Wolfgang lässt schön grüßen

üben, üben, üben

Die Demokratie frisst ihre Kinder

Deutschland ist ein Nationalstaat, in dem die Bürger laut Verfassung über sich selbst herrschen. Die ollen Griechen nannten dieses Konstrukt der Gewaltenteilung eine Demokratie. Doch wer sich im der Land der Deutschen genauer umguckt, der sieht nicht die Vielen herrschen, sondern einige Wenige. Und das nennt man eine lupenreine Oligarchie.

Die Demokratie ist eine Regierungsform, die sich durch die Zustimmung der Mehrheit der Bürger legitimiert. Diese Spielart der „Volksherrschaft“ hat sich nach westlich geprägtem Verständnis als „einzig“ richtige staatliche Grundordnung erwiesen. Und das ist auch gut so, denn ohne Teilhabe und Beteiligung des Bürgers an der politischen Willensbildung hätten wir noch einen Kaiser oder schon wieder einen Diktator. Und wer will schon in einem Staat leben, in dem es keine freien Wahlen gibt? Wir wollen uns mit einer politischen und gesellschaftlichen Opposition auseinandersetzen; wir wünschen die Wahrung der Grund- und Bürgerrechte. Und was die Staatsräson betrifft, gehen wir davon aus, dass die vom Mehrheitsprinzip definiert wird. So steht es im Grundgesetz, das vor 65 Jahren von Menschen für Menschen geschrieben wurde – und nach wie vor gilt.

Nur leider haben die Verfasser der Verfassung die Rechnung ohne eben diese „Menschen“ gemacht. Hitlers Erben zu demokratisieren und auf eine höhere Zivilisationsstufe zu heben, ist seit Anbeginn eine Dauerbaustelle, und niemand weiß, was wir Baumeister eigentlich bauen. Ist das deutsche Haus doch nur ein aus ökonomischen Zwängen gezimmerter Nationalstaat, der völlig gegensätzliche Volksstämme auf Einigkeit trimmt. Was nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1871 als Deutsches Reich begann und heute unter dem Namen Bundesrepublik Deutschland firmiert, ist nur ein Vielvölkerstaat wie jeder andere, der sich jederzeit in Luft auflösen kann, wenn sich die Interessenlagen geographisch verschieben. Bestes Beispiel sind unsere bayerischen Landsleute, die sich einfach nicht im Germanenreich heimisch fühlen wollen und ihren „Freistaat“ am liebsten von den Saupreußen abspalten würden. Damit das nicht passiert, muss Restdeutschland weißblaue Kröten schlucken – zuletzt die PKW-Maut, die als purer Racheakt der bayerischen Volksseele am österreichischen Pickerl von allen Deutschen gesponsert wird. Ebenso spottet die Ernennung einer Drogenbeauftragten aus dem erzkonservativen Bayern dem Mehrheitsprinzip, auf das sich auch die Bürger verlassen, die Platt snacken und in Sachen Gras gerne mal Fünfe gerade sein lassen.

Kein Zweifel, das künstliche Staatsgebilde der Bundesrepublik kann nicht allein mit demokratischen Mitteln stabilisiert werden – zu unterschiedlich, zu widersprüchlich sind die Befindlichkeiten der Bürger in deutschen Landen. Auch Volksherrschaft braucht eine von oben diktierte Richtlinienkompetenz. In ganz kniffligen Fragen wie Abtreibung, Homosexualität und Frauenrechte bedarf Vater Staat noch heute kirchlichen Beistands, damit sich Heiden und Katholen, die Jungen und die Alten, die Armen und die Reichen nicht gegenseitig abmurksen.

Und genau an dieser Maxime scheitert die Demokratie zwischen Flensburg und Passau: Ein Schneekanonenbetreiber aus dem Allgäu wird niemals Solidarität mit einem friesischen Windparkbauern haben, schließlich kommt in Süddeutschland der Strom aus der Steckdose. Und was interessieren den Berliner schon die Stuttgart-21-Geizbürger? Der Märker hat ja seine BER-Baustelle zum Versenken von Steuergeldern.

Nein, die Deutschen vertragen einander nicht. Missgunst und Neid ist der Antrieb unserer kapitalistisch ausgerichteten Leistungsgesellschaft, in der jeder zuerst an sich denkt und das Wohl des Nachbarn zweitrangig ist. Unter diesem Vorzeichen haben wir unsere Demokratie dahingehend deformiert, dass jeder Fuzzi seine Lobby im System installiert hat und Mitspracherecht für seine ureigenste Sache einfordert. Bis in die letzte Ritze des Landes ist alles durchorganisiert und reguliert. Jeder Bürger beackert sein persönliches Feld, um maximalen Vorteil für sich und seinesgleichen herauszuschlagen. Wer dem Gewissen folgt, ist auf dem Holzweg, da das Gewissen der Deutschen längst auf der Strecke geblieben ist und Ichsucht das Menschlein moralisch navigiert.

Deutschland ist nicht das Land des Lächelns, sondern das der Hackfressen. Gefühlte 100% der Deutschen sehen es offensichtlich als ihre erste Bürgerpflicht, sich von der hässlichen Seite zu zeigen. Allein fünf Millionen Beschäftigte des öffentlichen Dienstes haben den Eid geleistet, ihr Leben damit zu verplempern, anderen den Alltag zu versauern. Das ist jedoch nichts gegen die 18 Millionen ADAC-Mitglieder, die alles dafür tun, dass Deutschlands Straßennetz die größte offene Psychiatrie der Welt bleibt. Ja, es gibt Menschen, die morgens Frau und Kind mit einem Kuss verabschieden, um anschließend den lieben langen Tag Primaten im Versuchslabor zu quälen, Strafgefangene psychisch zu misshandeln oder in einer Hühnerfarm Küken zu schreddern. Tagtäglich marschieren Heerscharen von Lohnsklaven in die Fabriken, um ihren Teil beizutragen, dass Deutschlands Waffenexport funzt und die Auftragsbücher der Prothesen-Hersteller voll sind. Wohin man auch blickt, kaum ein Bürger hat nicht einen unanständigen Beruf bzw. eine unanständige Berufsauffassung. Die einen sehen im Kadavergehorsam gegenüber dem Staat ihre Obsession, die anderen kultivieren ihre psychische Störung, indem sie fortwährend die Mitmenschen manipulieren und bescheißen.

Doch was ist das für ein Lebensglück, wenn der Bäcker den Brotteig mit Kleie streckt oder der Hanfdealer den Wert seiner Handelsware mit Blei beschwert? Schläft es sich wirklich besser mit einem Portefeuille aus schmutzigen Atom- und Rüstungsaktien? Und was sind das für Monster, die den Eid des Hippokrates geschworen haben und aus rein pekuniären Motiven eine Blutspur von jährlich Abertausenden Opfern falscher medizinischer Behandlung durch die Krankenhäuser ziehen? Welcher Teufel reitet diese Halbgötter in Weiß, Patienten erst dann aus dem „Giftschrank“ zu versorgen, wenn der Tod bereits an die Tür klopft?

Dies alles und noch viel mehr ist zum Wohle und Erhalt des Staates, der noch für jede Schweinerei einen frei gewählten Volksvertreter aus dem Hut zaubert, der ungeniert lügt und denen dient, die die blutleere Marionette am Tropf halten. Überall und nirgends sind sie unterwegs, die „unbestechlichen“ Lobbyisten der Volksparteien und Gewerkschaften, der Verbände und Vereine, der Genossenschaften und Aufsichtsgremien. Wie Maden im Speck fressen sich diese nimmersatten Ehrgeizlinge durch die Instanzen von Politik und Wirtschaft, immer und stets angetrieben von dem unstillbaren Verlangen nach Geld und Geltung. Jeder kennt sie allzu gut, die kleinen hinterhältigen Streber, die schon in der Schule für sich und die Jugendorganisation ihrer Partei warben und an der Karriere als Höfling des Geldadels bastelten. Und der Erfolg gibt dieser Sorte Mensch Recht. Nicht der Klassenclown, Querdenker und Revoluzzer darf am Katzentisch der Reichen und Schönen die Knochen abnagen, sondern Schmidtchen Schleicher und seine heuchlerischen Parteigenossen, die artig zuhören, wenn die systemrelevante Elite bei Austern und Champagner darüber philosophiert, wie die Oligarchie vor der Herrschaft des Pöbels mittels einer vorgegaukelten Demokratie zu bewahren ist.

Und mal ehrlich: Wer erliegt nicht der Aura eines Milliardärs und Globalplayers, der über das Wohl und Leid seiner Untertanen entscheiden kann, wie es ihm gerade gefällt? Unsere Politschranzen ganz bestimmt nicht. Die haben nämlich den Weitblick für das große Ganze. Und so ist es in Schland etwas ganz Normales, dass ein Spekulant für eine Mark den bankrotten Karstadt-Konzern ausschlachten darf oder die Steuerzahler den notleidenden Banken ein paar Milliarden Spielgeld spendieren.

Unsere Demokratie ist längst gefangen in einem mafiaähnlichen Netzwerk, das Volkes Wille in einer politischen Konsenssoße erstickt und die Schmerzgrenze der verarschten Bürger bis ins Unerträgliche ausreizt. Doch das Schlimme ist, dass so gut wie jeder Bürger das Spiel mitspielt und sich schleichend entmündigen lässt. Oder wie soll man das verstehen, dass kein kollektiver Aufschrei gegen die Militarisierung unserer Gesellschaft zu hören ist, dass Millionen Transferleistungsempfänger klaglos Wassersuppe löffeln, dass Abermillionen Internet-User bereitwillig ihre Vita bei den außer Kontrolle geratenen Spionagediensten abliefern?

Die Devise der Deutschen heißt: Ball flach halten – ziviler Ungehorsam, nee danke! 65 Jahre Demokratie made in Germamy haben es geschafft, so gut wie jeden Bürger zu kriminalisieren – also mit jenem Pack gemein zu machen, das sich mit dem Grundgesetz schon immer den Hintern abgewischt hat. Rechtsbruch ist heutzutage Volkssport, angefangen bei der kreativen Steuererklärung von Familie Mustermann, bis hin zum Sozialbetrug eines ausgemusterten Arbeitnehmers ohne Anschlussverwendung, der sein Almosen mit Hanfanbau aufstockt. Wer Lippenstifte klaut, in Nichtraucherzonen raucht, schwarzfährt, dubiose Internetseiten aufruft und von einer Schuldenfalle in die nächste tappt, der hat kein politisches Anliegen mehr, weil er sich längst an die Kloake gewöhnt hat, in der er sich suhlt.

Das Leben der breiten Masse ist auf Kante genäht, und diese aus Ängsten gespeiste Befindlichkeit ist es dann auch, die die Deutschen weitgehend einschläfert und zu willfährigen Mitläufern einer Scheindemokratie degradiert. Dieser gesellschaftspolitische Wandel spiegelt sich leider auch in der Pro-Hanf-Bewegung wider, die es einfach nicht schafft, auch nur einen Bruchteil der verfemten Hanffreunde zu mobilisieren. Der Scheiß-egal-Trend lässt sich gut an der Hanfparade ablesen, die seit 1997 gegen das Hanfverbot durch die Mitte Berlins zieht. 1998 zählten die Veranstalter noch 50.000 (!) Teilnehmer, die Gesicht zeigten, zehn Jahre später waren es nur noch tausend – und das trotz (oder wegen) der sozialen Netzwerke. Zwar ist die Teilnehmerzahl in den letzten Jahren wieder gestiegen, aber gemessen an dem eigentlichen Protestpotential können die Adressaten der Demo entspannt weiter dösen – und das in bester Gesellschaft mit den rund fünf Millionen Kiffern, die lieber den eigenen Bauchnabel beschauen, als Solidarität mit den Brüdern und Schwestern zu zeigen. Wenn diese Schnarchnasen nur wüssten, dass die Hanfparade die Gelegenheit wäre, die Hauptstadt für einen Tag komplett einzunebeln – die Demokratie fände vielleicht auch in Deutschland eine Heimat.

Sadhu van Hemp
Quelle Hanfjournal
Titelfoto: Copyright jnw Eine von Fünf bemalten Schildkröten aus dem Hanfhaus, Grosse Hamburger Strasse, Berlin Abschiedsgeschenk von Chris Mangler

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: