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HORST RIECK : Auch im Osten bekannt

  1. Dezember 1967, 7:00 Uhr Aktualisiert am 21. November 2012, 19:29 Uhr
    : Auch im Osten bekannt
    Fritz Teufels Händel mit den Vopos
    Von Horst Rieck

Berlin

Diese Landgendarmen, sie lesen keine Zeitung, entschuldigte sich der Vorgesetzte eines Polizeioffiziers und tat Abbitte bei Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans und der Schriftstellerin Ute Erb für erlittenes Unrecht, das unwissende Gesetzeshüter auf Geheiß ihres Offiziers den Kommunarden zugefügt hatten. Dann wurde sein Blick ernst: „Genossen, die Partei verfolgt euren mutigen Kampf, ich gratuliere.“ Ort der Handlung: ein Polizeirevier in Ostberlin.

Wenn es stimmt, was die Kommunarden erzählen, und es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, hat sich am letzten Freitag, in der auch für Kommunarden weniger populären Weltstadthälfte, folgendes zugetragen.

Zwei Monate waren um, der obligatorische Besuch bei der chinesischen Botschaft in Ostberlin fällig.
Nicht die Sorge um neue Mao-Bibeln – 5000 Fibeln liegen noch auf Abruf im Kommunedomizil –, sondern der Wunsch nach permanenter Diskussion trieb die unerschrockenen vier nach Karlshorst, einem Ziel, für dessen Erreichung auch von maoistischen Lebensgemeinschaftlern umfangreiche Reisevorbereitungen vonnöten sind, die in diesem Fall bis an die Grenze der Selbstverleugnung gehen.

Während irdische Sektoren reisende ihren Tascheninhalt zuvor von Antikommunismus jeglicher Art befreien, zupften sich die Kommunarden die Maoplakette vom Rockaufschlag, um Ulbrichts Grenzwächter nicht zu ärgern.
Dermaßen abgerüstet, begaben sich die Kommunarden zur Vertretung des großen Bruders zum chinesischen Tee.
Über den Inhalt der Gespräche, wer wen des Revisionismus bezichtigte, schweigen sich die Reisenden aus. Zuviel steht ihnen auf dem revolutionären Spiel. Um so lieber erzählen sie von Aufmerksamkeiten, die die Volkspolizei ihnen an ihrem zweiten Reiseziel, auf dem Ostberliner Weihnachtsmarkt an der Karl-Marx-Allee, widmete.

Stets in Sorge um eine wirklich repressionsfreie Erziehung seiner Tochter Grischa, wollte sich Vater Kunzelmann, die Onkel Rainer Langhans und Fritz Teufel, beraten von Mutter Ute Erb, davon überzeugen, ob auf dem Ostberliner Weihnachtsmarkt sozialistische Spielmöglichkeiten zu finden seien.
Doch noch bevor sich die besorgten Erzieher ein rechtes Bild vom sozialistischen Spiel machen konnten, bewiesen rund hundert Jugendliche, wie gut sie das Westfernsehen empfangen. Sie umringten die Bildschirmbekannten Kommunarden, bewunderten die Lockenpracht von Langhans und den Weihnachtsmannbart von Teufel.

Schnell war man beim Fachsimpeln über Vopos hier und Schupos drüben. Sind auch die Schwierigkeiten anderer Natur, die Trübseligkeit gemeinsamer Erfahrungen war gesamtdeutsch.
Kunzelmann rauft sich heute sein Haar: „Was sollten wir machen, wir konnten ihnen nicht helfen!“

Unter den Christbäumen erfuhren die Kommunarden, was DDR-Hippies quält.
Da ist die Schere auf jedem Voporevier, die all denen droht, deren Haarlänge der sozialistischen Moral widerspricht.
Da ist der Mangel an geeigneten Treffpunkten für Outsider, so daß der Weihnachtsmarkt alljährlich sehnlichst erwartet wird, obwohl die Volkspolizisten mit Sprechfunkgeräten ausgerüstet durchs Kinderparadies patrouillieren.
Sie waren auch zur Stelle, als sich die Kommunarden mit ihren östlichen Brüdern zu einem Erinnerungsphoto mit dem Weihnachtsmann stellen wolltet

Ohne zu wissen, wen sie vor sich hatten, verboten die Vopos der Kommune das weitere Verweilen auf dem Weihnachtsmarkt und führten sie ins Revier.

Dort angekommen, wurde Ex-Häftling Teufel als erster vernommen; die anderen drei mußten auf dem Flur warten. „Es war wunderbar, jeder stand vor einer anderen Tür und hörte jedes Wort.“

Alle vier hörten nach einer Stunde den besonders laut gesprochenen Satz: „Ach, die sind das!“

„Genossen“, sagte ein Herr in Zivil, „ein Riesenmißverständnis, diese Landgendarmen lesen keine Zeitung.“

Im Namen der Partei, die ihn feiert, und auch mehrere Tausend vorgedruckter Postkarten an die Moabiter Adresse Teufels verteilt hatte, habe er sich dann bei ihnen entschuldigt, Fritz Teufel zur Haftentlassung gratuliert und sich sofort nach ihren Wünschen erkundigt, berichten die Kommunarden. Ihr Wunsch wurde erfüllt: in einem „Wartburg“ ließen sie sich zum Weihnachtsmarkt zurückfahren.

„Die Leute waren erstaunt, daß wir wieder da waren. Diesmal griff die Polizei nicht ein, und bei der Rückfahrt über die Grenze wurde zum erstenmal unser Auto nicht auf den Kopf gestellt. Auch die sonst übliche Leibesvisitation fiel aus.“

Inzwischen hat die Reisegruppe Manöverkritik geübt. Sie ist verärgert, weil sie sich nicht auf der Karl-Marx-Allee zu einem Sitzstreik niedergelassen hat. „Das hätte unseren neuen Freunden Mut gemacht. Und dem Vopooffizier seinen Posten gekostet.“
Horst Rieck

Horst Rieck (* 1941 in Berlin) ist ein deutscher Journalist.

Seit den späten 1960er Jahren schrieb Rieck unter anderem für Spiegel, stern, Die Zeit und Quick.

Erstmals in die Schlagzeilen geriet er im Februar 1970, als er in seiner Wohnung in West-Berlin von Mitgliedern der Clique um Michael „Bommi“ Baumann
überfallen und zusammengeschlagen wurde.
Die Clique, die zu den militanten Ausläufern der Studentenbewegung gehörte, hatte
fälschlicherweise
behauptet, eine kurz vorher in der Quick erschienene Reportage, in der ihre Brand- und Bombenanschläge scharf verurteilt wurden, sei von Rieck verfasst worden.

An dem Überfall waren außer Baumann selbst noch Thomas Weisbecker, Georg von Rauch, Hans Peter Knoll und Anne-Katrin Bruhns beteiligt

Bei Recherchen zum Thema Drogenszene und Beschaffungsprostitution beobachtete Horst Rieck am 8. Februar 1978 am Amtsgericht Moabit in Berlin einen Prozess gegen einen Geschäftsmann, der jugendliche Prostituierte für sexuelle Dienstleistungen mit Heroin bezahlt hatte.
Dabei bat er eine der Zeuginnen, die damals 15-jährige Christiane Felscherinow, um ein Interview. Rieck erkannte, dass die Aussagen des jungen Mädchens Stoff für eine größere Veröffentlichung boten.
Aus dem ursprünglich für das Interview geplanten Nachmittag wurden zwei Monate, in denen sich Rieck und sein von ihm hinzugezogener Kollege Kai Hermann fast täglich aus der Lebensgeschichte der jungen Christiane berichten ließen.
Die von Rieck und Hermann niedergeschriebenen Tonbandprotokolle erschienen nach einem teilweisen Vorabdruck im stern im Herbst 1978 als Buch unter dem Titel Wir Kinder vom Bahnhof Zoo.
Dieses wurde in den Jahren 1980 und 1981 zum meistverkauften Buch in der Bundesrepublik Deutschland, in 15 Sprachen übersetzt und weltweit in mehr als drei Millionen Exemplaren verkauft.
In zahlreichen deutschen Schulen ist Wir Kinder vom Bahnhof Zoo Pflichtlektüre.
Bei der 1980/81 entstandenen Verfilmung des Buchs unter dem Titel Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo von Uli Edel (Regie) und Herman Weigel (Drehbuch) übten Horst Rieck, Kai Hermann und Christiane Felscherinow gewisse Mitspracherechte aus.

Horst Rieck lebt als freier Journalist in Berlin. Schwerpunkte seiner Arbeit sind politische und soziale Themen.

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