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Moessingers Gipfelkreuz

Moessingers Gipfelkreuz

Sie war die Erste, die der Alternativkultur in Berlin ein Heim bot: das Tempodrom. Es wurde zum Skandal und hat die Stadt viel und Irene Moessinger alles gekostet: Vermögen, Karriere und Lebenstraum. Heute entscheidet ein Gericht über sie

Der Skandal hat sie schick gemacht. Früher trug Irene Moessinger ihr Haar lang, wild und rot. Sie trug wallende Röcke und viel Schmuck. Zum Prozess erscheint eine ganz andere Frau. Vielleicht hat der Skandal ihr auch die Wildheit ausgetrieben, die Spontaneität. Irene Moessinger tritt im cremeweißen Kostüm auf den Gerichtsflur, enger Rock, Stehkragen. Ihr Haar ist grau und kurz geschnitten. Verbitterung steht in ihren Augen. „Der Prozess interessiert mich weniger“, sagt sie. Das Urteil, das für heute erwartet wird, werde schon nicht so schlimm ausfallen. „Was mich ärgert, ist, dass das Tempodrom den Bach hinuntergeht.“ Und dass sie dieses Abenteuer alles gekostet hat. Vermögen, Karriere, aber was noch viel schlimmer ist: ihren Lebenstraum.

Seit Mittwoch vergangener Woche steht Irene Moessinger zusammen mit ihrem Partner Norbert Waehl im holzgetäfelten Saal 820 des Kriminalgerichts Moabit vor Gericht. Der Staatsanwalt wirft ihnen vor, sich als Vorsitzende der Stiftung Neues Tempodrom zu hohe Gehälter genehmigt zu haben. Außerdem sollen sie Rechnungen beglichen haben, die eigentlich die Betreiber-GmbH hätte zahlen müssen – deren Geschäftsführer ebenfalls Moessinger und Waehl hießen. Der Staatsanwalt sieht alleine in dieser Konstruktion ein fragwürdiges In-sich-Geschäft.

Aus Irene Moessingers Lebenstraum ist ein Albtraum geworden. Sie ist zum Mittelpunkt einer Affäre geworden, die nicht nur die Staatsanwälte, sondern auch einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss beschäftigt hat. Dessen Abschlussbericht von 2006, fast 500 Seiten lang, endete mit Parteiengezänk. Bis heute ist man uneins, wer letztlich schuld war am finanziellen Desaster.

Der Beton gewordene Traum der Irene Moessinger steht trutzig am Anhalter Bahnhof in Kreuzberg, ein markantes weißes Zackendach über zwei Arenen und einem Thermalbad, dem Liquidrom. Die Veranstaltungen sind so vielfältig wie die Besucher: Holiday on Ice, Boxkämpfe, Konzerte, Ballett, Parteitage. Das Tempodrom wirtschaftlich zu betreiben sei kein Problem, sagen Irene Moessingers Nachfolger, die 2005 die Regie übernommen haben. Moessinger sagt: „Die GmbH hat immer schwarze Zahlen geschrieben.“

Die Hypothek lastet dafür auf dem Bau an sich. Weil der Senat irgendwann keine Zuschüsse mehr bewilligen wollte, musste das Tempodrom und anschließend auch Moessingers Betreibergesellschaft 2003 Konkurs anmelden; nun sucht der Insolvenzverwalter einen Käufer. 31 Millionen Mark hatte der Bau ursprünglich kosten sollen – 62 Millionen sind es geworden. Aus einem simplen Neubau ist eine Geschichte geworden, die von der Naivität einer Künstlerin handelt, die glaubte, ein so komplexes Vorhaben selbst stemmen zu können, von der Verantwortungslosigkeit der Bauunternehmer sowie von der Profilierungssucht hoher Politiker. Es bleibt ein Millionenschaden für das Land und damit den Steuerzahler, der letztlich ein privates Projekt fast vollständig bezahlt hat.

Dabei hatte die Geschichte der Krankenschwester Irene Moessinger, die vor 27 Jahren ihr Erbe in ein Zirkuszelt investierte, um darin alternative Kultur zu zeigen, das Zeug zu einem Märchen: Aschenputtel tritt in eine Arena und begeistert mit ihrer Idee Künstler wie Zuschauer. Bis 1999 lebt und arbeitet sie in einem alten Zirkuswagen direkt neben ihrem Zelt, das in Sichtweite zu der Baustelle des Bundeskanzleramts steht. Abseits der etablierten und üppig geförderten Kultur zwischen Ku’damm-Theater und Deutscher Oper gab es im West-Berlin der Endsiebziger kein Zentrum für Kleinkunst, Pop und Straßentheater. Moessingers Idee traf das Lebensgefühl einer ganzen Generation zwischen Schöneberg und Kreuzberg, Hausbesetzern und Studenten.

Professionell war das nicht immer. Eine der ersten Nummern im alten Tempodrom steuerte Irene Moessinger selbst bei – eine Art Artistikeinlage mit einem Schwein. Es war den Zuschauern fast peinlich hinzugucken. Doch Moessinger machte das nichts. Sie genoss die Aufmerksamkeit, genoss es, dass auch die Politiker sich gern mit ihr schmückten, einer jungen hübschen Frau und ihrem erfolgreichen Spaßkulturzelt.

Weil Helmut Kohl sich aber daran störte, dass direkt neben dem neuen Regierungssitz Alternativkultur gezeigt würde, war irgendwann klar: Das Tempodrom muss weg. Irene Moessinger nutzte ihre Chance. Mithilfe einer schönen Schadensersatzzahlung wollte sie endlich ein neues, festes Haus bauen, für ein ganzjähriges Programm. Sechs Millionen Mark bekam sie, zusätzlich weitere Gelder über Förderprogramme und Lottostiftung.

Jetzt sitzt sie in einer anderen Arena, kleiner und eckig. Auf den gut besuchten Zuschauerplätzen im Kriminalgericht haben ehemalige Angestellte und Freunde Platz genommen wie der Kabarettist Arnulf Rating. Er war von Anfang an dabei und: Er war der Einzige, der vor dem Baubeginn am Anhalter Bahnhof davor gewarnt hatte anzufangen, ohne dass die Finanzierung steht. Doch Moessinger, bestärkt durch ihre Berater, schlug die Bedenken in den Wind. Wird schon.

Verglichen mit dem großen Ganzen der Tempodrom-Affäre ist das, was jetzt vor Gericht verhandelt wird, eine Lappalie. Auch juristisch. Das sagt selbst der Staatsanwalt Frank Thiel: „Wir verhandeln nur ein Abfallprodukt der gesamten Ermittlungen.“ Niemand fragt mehr nach den Ursachen der Kostenexplosion. Niemand ist zur Verantwortung gezogen worden. Und dennoch setzt das Urteil gegen Irene Moessinger heute einen Schlussstrich unter die ganze Geschichte.

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft hätte diese Geschichte ganz anders ausgehen müssen. Denn die Staatsanwälte hatten nicht nur Irene Moessinger und Norbert Waehl angeklagt, sondern auch Finanzsenator Thilo Sarrazin und den ehemaligen Stadtentwicklungssenator Peter Strieder, beide SPD.
Strieder hatte sich schon als Kreuzberger Bürgermeister für das Tempodrom starkgemacht. Bei der entscheidenden Sitzung über den neuen Standort war er in der Bezirksverordnetenversammlung mit einer Krawatte erschienen, auf die er den Satz „Ich bin dafür“ gebatikt hatte. Die Bedenkenträger zieh er der Provinzialität. Zur feierlichen Grundsteinlegung ritt er an der Seite der Tempodrom-Chefin auf einem Elefanten ein.
Er war es, der Moessinger bei der Beschaffung öffentlicher Gelder geholfen hatte, um den privaten Bau zu finanzieren – vorbei an der Landeshaushaltsordnung, die vorsieht, dass Landesgelder nur für staatliche Aufgaben verwandt werden dürfen.

Das Gericht jedoch erkannte Ende 2004 lediglich auf einen „Pflichtverstoß“ der beiden Genossen – einen Prozess zu eröffnen, das wurde abgelehnt. Argument: Dem Land sei kein Nachteil entstanden, Sarrazin und Strieder hätten nicht mit dem Vorsatz gehandelt, Berlin zu schaden. Aus. Es gibt auf den Gerichtsfluren Stimmen, die von einem fatalen Signal für andere Verfahren sprechen: Verfahren, die sich mit den Verstrickungen zwischen der Berliner Politik und den Geschäften von Landesbank (LBB) und Investitionsbank (IBB) befassen. Welcher Staatsanwalt hat nach der Entscheidung in Sachen Tempodrom und Politik noch Lust, sich die Finger zu verbrennen?

Peter Strieder jedenfalls bleibt juristisch unbehelligt. Als Folge der Affäre hat er zwar alle politischen Ämter aufgegeben, als Senator und Landesvorsitzender der Partei, dafür berät er heute erfolgreich Investoren, die in Berlin zum Beispiel Einkaufszentren errichten wollen. Gerade hat er wieder einen Sieg errungen, in Tempelhof. Da hat er ein Konkurrenzprojekt ausgebremst. Gute Kontakte in die Verwaltungen hat er immer noch, ebenfalls zur SPD. Das gilt auch für die Linkspartei. Schließlich war es Strieder, der das erste rot-rote Koalitionsbündnis vorbereitet hat. Dafür sind ihm viele Politiker der Linken noch immer dankbar.

Finanzsenator Thilo Sarrazin, der im Amt geblieben ist, wird mehr geschätzt denn je. Wird nun noch jemand einem Mann in die Parade fahren, der den ersten Haushaltsüberschuss seit Bestehen des Landes erwirtschaftet hat? Es wird spannend, wenn der Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses in der kommenden Woche vertraulich berät. Es wird darum gehen, ob das Land der LBB zwölf Millionen Euro zahlen muss. Gut sechzehn Millionen hatte Irene Moessinger im Jahr 2000 zusätzlich für ihren Neubau gebraucht – und das Land hatte für zwölf Millionen gebürgt. Moessinger und Waehl übernahmen den Rest und bürgten mit ihrem Privatvermögen, mit jeweils 800 000 Euro. Nun, nach der Pleite, will die Bank ihr Geld zurück. Nicht nur von Moessinger und Waehl, sondern auch vom Land. Die Opposition sieht den Finanzsenator nicht in der Pflicht. Es sei die Bank gewesen, die die Baukosten beim Tempodrom nicht hinreichend kontrolliert habe.

Klar ist: Zahlt Berlin, wird der Schaden noch größer. Das Grundstück, das Berlin der Tempodrom-Stiftung übertragen hat, die Millionen aus Steuermitteln, Lottostiftung und Umweltförderprogramm – das alles steckt sowieso schon in der Insolvenzmasse.

Alle diese Quellen gehören zu dem, was Landespolitiker in der Vergangenheit gerne als „kreativen Handlungsspielraum“ bezeichnet haben. Mit diesen Geldern wurden Dinge finanziert, für die es im Parlament keine Mehrheit gab oder die nicht zwingend zu den staatlichen Pflichten gehörten. Seit der Tempodrom-Affäre ist dieser Spielraum nicht mehr so groß.
Der Bankenskandal tat ein Übriges. Die LBB ist verkauft und dem Einfluss der Politik weitgehend entzogen. Geld vom Land gibt es nur noch, wenn das Abgeordnetenhaus zustimmt. Die Affäre hat ein Bewusstsein dafür hinterlassen, was die Stadt sich tatsächlich leisten kann.

Peter Strieder und Thilo Sarrazin lassen sich im Gerichtssaal natürlich nicht blicken.
Irene Moessinger lässt ihre Anwälte sprechen, nur ab und zu zischt sie „Unsinn!“. Zum Beispiel, als ein Banker aussagt, der 2001 vom Senat zum Krisenmanager bestellt worden war. Eigentlich entlastet er die Angeklagte, als er schildert, wie chaotisch und naiv sie an das Projekt herangegangen war. Es klingt, als sei sie viel zu unbedarft gewesen, um vorsätzlich Geld zu veruntreuen, so wie es ihr im Prozess vorgeworfen wird. Er macht damit klar, was im Kern die Ursache für die Kostenexplosion war – nur interessiert das in diesem Prozess niemanden.

Es ist ein ruhiger Prozess. Nur einmal muss der Richter zur Ordnung rufen.
Roland Specker applaudiert, als ein weiterer Zeuge Irene Moessinger entlastet. Der Richter ruft: „Sie sind hier nicht im Theater!“
Specker, ehemals Bauunternehmer, heute Privatier, hatte Irene Moessinger und Norbert Waehl während der Bauphase beraten: Für welchen Entwurf entscheiden wir uns? Wie kann die Finanzierung klappen?
In einer Sitzungspause erzählt er genüsslich von einem Rechtsstreit, den er gegen den ehemaligen Vorsitzenden des Tempodrom-Untersuchungsausschusses, den CDU-Abgeordneten Michael Braun, führt. Specker hat ihm schon erfolgreich verboten zu behaupten, die SPD habe Specker mit Aufsichtsratsposten bei den Wasserbetrieben und der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft GSW ausgestattet. Jetzt klagt Specker auch noch auf Schadensersatz.
40 000 Euro will er von Braun haben. „Ich gehe bis zum Bundesgerichtshof“, kündigt er an.

Das sind Nebenkriegsschauplätze.
Die letzte Schlacht wird heute im Moabiter Gericht geschlagen. Ein Freispruch ist wahrscheinlich. Danach können Irene Moessinger und Norbert Waehl wieder in die Zukunft blicken. Nur in was für eine?
Nachdem sie mit ihrem privaten Vermögen für den Baukredit der Landesbank gebürgt hatten, stehen sie nun mittellos da; aus den 800 000 Euro sind mittlerweile jeweils 1,25 Millionen geworden. Irene Moessinger hatte sich für einige Zeit in ein Kloster zurückgezogen. Heute lebt sie in Neukölln von Hartz IV; Gespräche mit Journalisten verweigert sie.

Es ist schwer zu glauben, dass sie keine neuen Pläne hat.
Was wäre eigentlich, wenn ein Gönner wie Roland Specker noch einmal Geld heranschaffen würde und das insolvente Tempodrom kaufte? Würde sie zurückkehren? Irene Moessingers Augen bleiben finster, als sie sagt: „Man muss auch loslassen können.“

18.01.2008, 00:00 Uhr Quelle: Tagesspiegel

An der Gründung des Tempodroms war im Jahr 1980 auch der Kabarettist Holger Klotzbach beteiligt, der die Zirkus-Ausstattung organisierte.

Tempodrom Eingang, Gernot Bubenik, 1980

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