Wolfgang lässt schön grüßen

üben, üben, üben

Bauer Oskar Puste


Genosse Münchhausen ist eine kabarettistische Filmsatire von und mit Wolfgang Neuss. Der Film lief am 24. Juni 1962 in Berlin an.

Handlung
Der Bauer Oskar Puste beackert bei Helmstedt auf der westdeutschen Seite der innerdeutschen Grenze mit Pferd und Pflug sein kleines Stückchen Land, das seit der deutschen Teilung noch ein wenig kleiner geworden ist.
Auf der gegenüberliegenden Seite der Demarkationslinie ist der sozialistische Bauer Altmann zugange, der mit einem „volkseigenen“ Traktor nunmehr Bauer Pustes „sozialistisch“ gewordene Ackerfläche für die LPG bestellt.
Der Parteiauftrag Walter Ulbrichts, dem zufolge der Sozialismus den Kapitalismus in allen Belangen überholen soll, nimmt der Agrargenosse von drüben wörtlich.

Es entspinnt sich ein Wettstreit zwischen den zwei Landwirten, der zugleich zu einem zwischen den Systemen ausartet.
Ehe der ideologische Kampf eskalieren kann, lässt sich Bauer Puste von einem gewissen Herrn Biese von einem ominösen ‘Forschungszentrum West’ als Spion anwerben.

Puste, der im letzten Krieg Luftwaffenpilot war, solle, so Biese, „das Wetter zwischen Wladiwostok und Aserbaidschan“ erkunden, in Wirklichkeit aber für einen westlichen Geheimdienst einen Aufklärungsflug starten.

Mit einem auf den Namen Pjotr Wanowitsch ausgestellten Pass fliegt Puste in die Sowjetunion, wo er abgeschossen wird und mit dem Fallschirm auf einem Feld landet. Da er seit der Zeit als sowjetischer Kriegsgefangener leidlich russisch spricht, findet sich Puste in der Sowjetunion rasch zurecht.

In der Folgezeit muss er sich als Maisbauer, Busfahrer, Schachtrainer, Packer, Holzfäller, Fischer, Fußballer und Gepäckträger durchschlagen. Schließlich findet er sich in einem Ausbildungslager für Kosmonauten wieder und wird mit zwei anderen Sowjets in eine Rakete gesetzt. Das Ziel: der Planet Venus.

Da es mit der bemannten Raumfahrt der Russen nicht allzu weit her ist, landet das Raumschiff an einem Nacktbadestrand der Insel Sylt. Die Kosmonauten werden von den Syltern für eine Clownstruppe des sowjetischen Staatszirkus gehalten. Und während sich die beiden Russen in der kapitalistischen Ferne so fremd fühlen wie auf der Venus, macht sich Bauer Puste rasch aus dem Staub. Schließlich landet er auf seinem früheren, jetzt verstaatlichten ostdeutschen Besitz, wo er sich niederlässt.

Produktion
Der Film wurde vom 1. Oktober 1961 bis 19. Januar 1962 gedreht. Die Drehorte waren Kampen (Sylt), Hamburg, Berlin und die Umgebung von Helmstedt.

Wie Wolfgang Neuss 1962 erzählte, habe er für die Produktion finanzielle Unterstützung in Höhe von 178.000 Mark durch den Staat (Bundeszentrale für Heimatdienst) erhalten, nachdem er auf Sylt den damals dort urlaubenden Innenminister Gerhard Schröder diesbezüglich angesprochen habe. Ein weiterer Geldgeber war Gerd Bucerius, ebenfalls von der CDU, der 30.000 Mark beisteuerte.

Unter dem Pseudonym Genosse Münchhausen hatte Neuss Anfang 1962 auch ein Inserat in der Zeitung Der Abend geschaltet, in dem er den Mörder des Fernsehkrimis Das Halstuch (Dieter Borsche) verriet.

Am 16. Januar 1962, einen Tag vor Ausstrahlung der letzten Halstuch-Folge, erschien in der Berliner Boulevardzeitung Der Abend folgende vom Berliner Kabarettisten Wolfgang Neuss geschaltete Zeitungsannonce für seinen gerade angelaufenen Kinofilm Genosse Münchhausen: „Ratschlag für morgen (Mittwoch abend): Nicht zu Hause bleiben, denn was soll’s: Der Halstuchmörder ist Dieter Borsche …… Also: Mittwoch abend ins Kino! Ein Kinofan (Genosse Münchhausen)“. Ursprünglich dazu gedacht, mehr Zuschauer in die Kinos zu locken, löste diese Aktion einen regelrechten Skandal aus: Neuss erhielt Morddrohungen, und die Bild-Zeitung bezeichnete ihn in einem Artikel als Vaterlandsverräter. Zwar erklärte Neuss bis zu seinem Tod im Jahr 1989, den Mörder lediglich richtig erraten zu haben, aber es gab auch Hinweise, wonach Neuss’ Mutter und Borsches Ehefrau dieselbe Pediküre in Berlin besuchten und dabei die streng vertrauliche Information weitergegeben worden sein könnte.

Die Fernseherstausstrahlung von Genosse Münchhausen erfolgte am 16. Juni 1984 im Dritten Programm des NDR.

Artikel mit Puste im Der Spiegel

Kin 237 – Rote Elektrische Erde (Ton-3 in der Welle-19 Men im grünen Schloß-5) = 24 Juni 1962

Kin 231 – Blauer Planetarer Affe (Ton-10 in der Welle-18 Ik im grünen Schloß-5) = 1 Oktober 1961

Kin 81 – Roter Elektrischer Drache (Ton-3 in der Welle-7 Cauac im weißen Schloß-2) = 19 Januar 1962

Kin 199 – Blauer Selbstbestehender Sturm (Ton-4 in der Welle-16 Cib im gelben Schloß-4) = 16 juni 1984


Die Lübbensteine sind zwei Megalithanlagen aus der Jungsteinzeit nahe der niedersächsischen Kreisstadt Helmstedt in Deutschland, deren Entstehung in die Zeit um 3500 v. Chr. datiert werden kann. Ganggräber sind eine Bauform jungsteinzeitlicher Megalithanlagen, die aus einer Kammer und einem baulich abgesetzten, lateralen Gang bestehen. Die Form ist primär in Dänemark, Deutschland und Skandinavien, sowie vereinzelt in Frankreich und den Niederlanden zu finden.

Privat veröffentlicht 24.8.18 um 13.45

  • NEUSSMit Puste
    Für 787,15 Mark brachte der Westberliner Kabarettist Wolfgang Neuss die Nation in Aufruhr. Neuss zahlte diesen Betrag für die Anzeige im Westberliner “Abend”, mit der er am Dienstag letzter Woche Millionen fiebernden Fernsehern 30 Stunden vor Auflösung des TV-Kriminalrätsels “Das Halstuch” den Mörder (Dieter Borsche) verriet.
    Nachdem selbst die sonst wortspröden Nachrichtenagenturen die vorzeitige Enthüllung als “gewaltigen Tiefschlag” (Associated Press) bezeichnet hatten, erfuhren westdeutsche Zeitungsleser auch das Pseudonym, unter dem der Spaßvogel Neuss sein Inserat veröffentlicht hatte – “Genosse Münchhausen”.
    Genauso lautet auch der Titel eines Films, den Neuss als Regisseur, Mitproduzent, Autor und Hauptdarsteller dieser Tage in seinem Berliner Büro fertigstellt.
    Der Filmemacher (“Wir Kellerkinder”) bestritt zwar, den TV-Mörder aus Reklamegründen entlarvt zu haben: “Mich hat nur aufgeregt, daß alles nach dem ‘Halstuch’-Mörder, aber keiner nach dem Britzer Liebespaar-Mörder fragt.” Doch Mitarbeiter im Büro der neugegründeten Satir-Produktions GmbH frohlockten: “Dieser Gag läßt sich nicht überbieten.”
    Mit ihm propagierte Neuss einen Film, der zwar bestenfalls als kabarettistischer Ulk bezeichnet werden kann, aber sogar von Bundesminister Gerhard Schröder wohlwollend gefördert wurde. Auch der Berliner Senat gab dem Kabarettisten Geld, damit er die internationale Gegenwart filmisch bewältigen könne.
    Dem Berliner Keller-Sprößling Macke Prinz (in “Wir Kellerkinder”) entspricht in “Genosse Münchhausen”, wiederum von Neuss selbst verkörpert, der Helmstedter Landwirt Oskar Puste.
    Der ehemalige Luftwaffenpilot Puste ist aus sechsjähriger sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt und bestellt nun, unmittelbar an der Zonengrenze, mit Pferd und Pflug den ihm verbliebenen Morgen Land; der eigentlich zugehörige zweite Morgen liegt in der DDR und wird von einem LPG-Traktor beackert.
    Eines Tages stellt sich der Spezialist Biese vom “Forschungszentrum West” ein und fordert den Exflieger auf, “das Wetter zwischen Wladiwostok und Aserbeidschan” zu erkunden. Mit einem Paß, ausgestellt auf Pjotr Wanowitsch, fliegt Puste in die UdSSR, wird abgeschossen und landet in einem Maisfeld. Für ihn beginnt eine Odyssee als Maisbauer, Busfahrer, Schachtrainer, Packer, Holzfäller, Fischer, Fußballer und Gepäckträger. Schließlich findet er sich in einem Astronauten-Lager wieder und wird, zusammen mit zwei Sowjetmenschen, zur Venus geschossen.
    Das Raumschiff landet versehentlich am Nacktbadestrand von Sylt. Die Sowjet-Astronauten werden von planschenden Bundesbürgern für eine Clown-Truppe aus dem sowjetischen Staatszirkus gehalten; die beiden roten Himmelsstürmer wiederum wähnen sich tatsächlich auf der Venus und finden “alles noch viel sozialistischer als in der Sowjet-Union”.
    Oskar Puste gerät nach mancherlei Verwicklungen auf seinen ostdeutschen Besitz, wo er nun auch zu bleiben gedenkt: “Ich will versuchen, daß ich durchhalte und hier das Beste daraus mache.”
    Neussens Münchhausiade wurde, wie vor zwei Jahren bereits “Wir Kellerkinder”, zunächst als Hörspiel gesendet. Allerdings sah Neuss diesmal davon ab, seinen danach verfertigten Film zuerst im Fernsehen zu präsentieren. Eingedenk des Boykotts, den westdeutsche Kinobesitzer ihm nach der Fernseh-Premiere von “Wir Kellerkinder” angedroht hatten, wollte er nun “gleich ins Kino”.
    Westdeutsche Verleiher freilich hatte Neuss nicht für sein bizarres Filmobjekt gewinnen können. Da ergab es sich, daß er beim Sommerurlaub auf Sylt den Dr. Gerhard Schröder traf, der sich als Inselbewohner in dem Eigenheim “Atterdag” etabliert und den Neuss in “Wir Kellerkinder” noch als “Minister meines Inneren” veralbert hatte. Neuss: “Er sah aus, wie ein feiner Mann nun mal angezogen ist – Blazer, leichte Hose, weiße Ballonmütze.”
    Laut Neuss ergab sich folgender Dialog:
    Schröder: “Wieso war ich in den ‘Kellerkindern’ drin?”
    Neuss: “Wissense, Herr Minister, der Kollege Lemmer hat mir mal gesagt, für diesen Film könnte ich die finanzielle Unterstützung des Innenministers erwarten. War aber nicht. Und deshalb habe ich da meine eigene jüngste Vergangenheit bewältigt, nämlich meine Wut abreagiert. Deshalb waren Sie drin.”
    Sodann überreichte Bürger Neuss dem Minister einen Handlungsabriß von “Genosse Münchhausen” mit der Bitte um alsbaldige Lektüre. Anfang September erhielt Neuss einen Anruf von der Bonner “Bundeszentrale für Heimatdienst”. Er erfuhr, daß ihm für die Produktion des Films 178 000 Mark gewährt werden würden.
    Da begann Neuss zu kurbeln (“Aus Gründen der Pietät drehte ich zuerst den Komplex Westerland”). Als die Summe aufgezehrt war, führte er das Filmfragment dem Berliner Senat vor (“Ich wollte es ja nicht nur mit der CDU zu tun haben”) und bat um weitere Unterstützung. Sie wurde gewährt.
    Als auch diese Summe – 200 000 Mark Darlehen – verbraucht worden war, wandte er sich an den Hamburger CDU -Abgeordneten und Verleger Gerd (“Buzi”) Bucerius: “Sie sind doch der Rebell von Bonn. Ich hätte .Sie gern als Schiedsrichter zwischen CDU und SPD. Aber das kostet Sie ‘ne Kleinigkeit.” Bucerius stellte ihm 30 000 Mark zur Verfügung.
    Obwohl es Neuss auf diese Weise gelang, die Herstellungskosten zusammenzuschnorren, zeigte sich der Kabarettist in der letzten Woche nicht völlig befriedigt. “Viel lieber”, gestand der Regisseur Neuss, “hätte ich diese Arbeit dem Regisseur Helmut Käutner überlassen. Der war auch lange Zeit daran interessiert.”
    Ganz plötzlich aber – so Neuss – habe Käutner geglaubt, das Unternehmen politisch nicht mehr verantworten zu können. “Und da drehte er lieber den ‘Traum von Lieschen Müller’.”
    Sowjet-Raumfahrer in “Genosse Münchhausen”: Landung am Nacktbadestrand
    Kabarettist Neuss
    Geld von Bonn, Berlin und Buzi

    DER SPIEGEL 4/1962
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    DER SPIEGEL 4/1962
    NEUSS:
    Mit Puste

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