Wolfgang lässt schön grüßen

üben, üben, üben

ELLIS HUBER Doktor Entertainer

3.11.1997 00:00
FOCUS-Korrespondent Alex Desselberger (Berlin)

Der Präsident der Berliner Ärztekammer macht sich durch forsche Sprüche bei den Kollegen unbeliebt

Nestbeschmutzer Ellis Huber. Diesen Ruf hat der Präsident der Berliner Ärztekammer bei seinen Gegnern jüngst wieder gefestigt. „Medienmätzchen eines approbierten Entertainers“, warf Jörg Hoppe, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, dem Kollegen vor.

Anlaß des Unmuts: Hubers unbewiesene Behauptung, bis zu 20 Prozent der Ärzte seien korrupt, „weil sie eine Medizin machen, die dem Patienten nichts nützt, aber Geld bringt“. Weitere 50 bis 60 Prozent „tricksen mit schlechtem Gewissen herum“. Die übrigen Mediziner, die ehrlich seien und nur das abrechnen, was sie verschrieben, würden unweigerlich „vor die Hunde gehen“.

Der Applaus der Krankenkassen („Im Kern richtig“) minderte nicht den Zorn der Kollegen. Die Berliner Kassenärztliche Vereinigung (KV), die für niedergelassene Ärzte mit den Kassen verhandelt, beantragte ein Berufsordnungsverfahren gegen den konfliktfreudigen Standesvertreter. Doch die Ärztekammer lehnte ab und konterte: Die KV könne der Mehrzahl der Ärzte kein angemessenes Einkommen mehr garantieren und betreibe statt dessen „aggressive Außenpolitik“, um vom eigenen Versäumnis abzulenken.

Austeilen, einstecken – nichts Neues für den „Facharzt für Politik“ (Huber über Huber). Der den Grün-Alternativen nahestehende 48jährige weiß selbst nicht, wie viele Mißbilligungs- und Abwahlanträge er überstanden hat, seit er vor zehn Jahren zum ersten „linken“ Kammerpräsidenten der Republik aufstieg. Mit der Organisation von alternativen Gesundheitstagen, später mit aufmüpfigen Reden und gewagten Anschuldigungen auf dem etablierten Ärztetag, verstand der gelernte Allgemeinmediziner stets zu provozieren.

Die Folge: Der „Showeffekte eines Profilneurotikers“ mußte sich Huber bezichtigen lassen, als er den Ärzten vorwarf, sie kassierten mit Fotokopien ihrer Rezepte von den Pharmafirmen Umsatzprovisionen. Es scherte ihn nicht.

Schon mehr traf den Mann aus dem Schwarzwald, daß er als Gesundheitsstadtrat von Berlin-Wilmersdorf im Mai 1986 zurücktreten mußte. Die Alternative Liste, auf deren Ticket er lief, verübelte ihm, daß er für 300 000 Mark in Kanada eine Eigentumswohnung als Abschreibungsobjekt gekauft hatte.

Neben dem Verlust des lukrativen Jobs hatte Huber auch den Schaden: Das Objekt – es hatte der später wegen Korruption verurteilte Stadtratskollege Wolfgang Antes vermittelt – ging schließlich pleite.

Hubers Selbstbewußtsein litt nur vorübergehend. Er hält sich zugute, daß die Bundesärztekammer, der alle Kammerchefs angehören, von einem „Honoratioren-Stadel“ zu einem „modernen Team verantwortungsbewußter Leistungskräfte“ avanciert sei. Wenn nicht Funktionäre, sondern die Ärzteschaft den Präsidenten wählten, rechnet sich Huber gegen den derzeitigen Amtsinhaber Karsten Vilmar gute Chancen aus. Zur Zeit brauche man ihn aber noch als „Linksaußen, der Vorlagen gibt, damit in der Mitte Tore geschossen werden können“.

Die extravaganten Vorlagen kommen bisweilen teuer. 200 000 Mark kostete Huber eine erfolgreiche Klage der Pharmaindustrie gegen seine „Positivliste“ preiswerter Medikamente. Spenden retteten ihn vor dem Ruin. Huber sieht sich dennoch als Sieger: „Mit Werbung hätte man das Thema für diesen Preis nie so gut fördern können.“

Kein Wunder, daß der Funktionär da das Attribut „Obernarziß“ aus den eigenen Reihen verkraften muß. Er selbst hingegen sieht sich als „Sprachrohr“, mache nur öffentlich, was er von Patienten, Kollegen und Verbraucherverbänden erfahre. Den Vorwurf der „Schätzometrie“ (Hoppe) bestätigt er sogar. „20 Prozent korrupte Ärzte gibt es in keiner Statistik“, gibt er freimütig zu, „trotzdem ist die Zahl fundiert.“ Der Widerspruch scheint offenkundig.

Freizügig stellt der selbsternannte Politdoktor weiter seine Rezepte aus. Die Ärzteorganisationen, von „kollektiver Minderwertigkeit“ geprägt, sollten sich an der Autoindustrie ein Beispiel nehmen. 1981 sei Porsche keinen Pfifferling mehr wert gewesen. Daraufhin habe man den Produktionsprozeß radikal verschlankt. „Heute geht es Porsche gut. Vielen Ärzten geht es immer noch schlecht.“

HUBER-SPRÜCHE, über die sich Deutschlands Ärzte aufregen

IMMER WIEDER eckt Ellis Huber mit provokanten Zitaten an. Seine häufigsten Aufreger: „Ethik statt Monetik“, „Liebe statt Valium“ sowie „Ich bin Facharzt für Politik“

„Orthopäden mit zwölf Behandlungsboxen machen keine vernünftige Medizin, sondern sind technokratische Körperingenieure“

  1. SEPTEMBER 1991

„Ein vollbesetzter Luxusbus (das Gesundheitswesen) fliegt aus der Kurve. Der Fahrer (Arzt) rechtfertigt sich: Das Verkehrsministerium ist schuld, weil die Straße schlecht ist, die Polizei, weil sie keine Geschwindigkeitsbegrenzung erlassen hat, der Autohersteller, weil die Bremsen schlecht sind, und die Fahrgäste: Sie haben mich durch lautes Klatschen abgelenkt“

  1. MAI 1992

„Die Ärzte funktionieren fast wie Marionetten der Pharmaindustrie“

  1. MÄRZ 1988

„Fast eine Million Patienten sind durch Ärzte tablettenabhängig geworden. So lange das so bleibt, ist der Ärztestand eine der verantwortungslosesten gesellschaftlichen Gruppen in Deutschland“

  1. AUGUST 1992

„Das jetzige Honorierungssystem produziert ein lukratives Schmarotzergefüge – mäßige Versorgung zu maximalen Preisen“

  1. AUGUST 1995

  • Lieber Ellis. Danke Dir das Du damals Papa Neuss gutes tuen wolltest und ihn liebevoll entgegenkamst.
    Uns Allen.
    ..im Grunde.
    Ich hätte das Interview mit Dir führen sollen.
    Heute tut es mir ein klitzekleines bisschen Leid das ich Martin Müncheberg – Sativa Vision & OK (Offener Kanal Berlin) mit Dir allein gelassen habe.

    Der Focus und diesen Artikel hab ich heut gefunden.
    Ich finde ihn lustig.

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