Wolfgang lässt schön grüßen

üben, üben, üben

“politisierenden Anschauungsunterricht”

“Verlassen von allem, fühlte er erst eine Art von bitterer Verachtung gegen sich selbst, die sich aber plötzlich in eine unaussprechliche Wehmut verwandelte … Da er eingebildetes Unrecht schon so stark empfand, um so viel stärker musste er das wirkliche empfinden.”

Ein musikalisches Gedenken
Am 20. August 1996 starb Rio Reiser in Fresenhagen.
Sein künstlerisches Vermächtnis ist jedoch quicklebendig.
Wir zeigen euch, warum.

Die Romanfigur Anton Reiser ist ein Sensibelchen des rüden 17. Jahrhunderts, in dessen Seelenqualen sich das Weltböse widerspiegelte.
Weil Anton genug Phantasie besitzt, sich in andere Menschen hinein zu denken, ist ihm während einer Hinrichtung, bei der er zugegen sein muss, als würde er selbst zerstückelt.

Als der 1950 geborene Ralph Möbius sich nach dem gescheiterten Schauspieler Anton Reiser benennt, ist er 18 und sammelt bei Hoffmanns Comic Theater (HCT) in Berlin erste Bühnenerfahrungen.
Zuvor hatte der bekennende Beatles-Fan (später Stones) die Schule und eine Fotografenausbildung abgebrochen und war erst mal nach Liverpool ausgebüchst.
Bis Ende der 60er treten Reiser und R.P.S. Lanrue (bürgerlich: Ralph Steitz) mit ihrer Coverband Degalaxis auf und sind als Musiker und Komponisten am HCT engagiert.

1970 nehmen die beiden mit Kai Sichtermann und Wolfgang Seidel den Song “Macht kaputt, was Euch kaputt macht / Wir streiken” auf, dies ist die Geburtsstunde von Ton Steine Scherben.
Von Anfang an verbindet die Band radikale anarchistische Parolen mit einer gewissen oberlehrerhaften Attitude.

Die Band ist Kult und setzt sich zwischen alle Stühle: Bei ihren ersten Auftritten in Ostberlin verbieten die DDR-Bonzen den Scherben 1988 ausgerechnet die RAF-Hymmne “Keine Macht für Niemand”.
Rückblickend sieht auch Reiser diese Zeit kritisch: “Man hat uns als eine Art reisende politische Musikbox benutzt, um die Leute anzutörnen“.
Rio Reiser – Blackbox Rio Reiser

Was für ein Tsunami! 16 randgefüllte CDs voller Demos, Projekte, Outtakes, Kollabos usw. bilden einen Fundus, der – zusammen mit den regulären Veröffentlichungen – eine nahezu lückenlose Biografie ergibt.

Dazu das schöne Booklet, das Zusammenhänge erklärt und als echte Sekundärliteratur fungiert. Das klingt phänomenal und ist es teilweise auch. Dennoch bleibt so manch aufgeworfenes Fragezeichen samt Irritation übrig.
Doch dieser Mond hat eine dunkle Seite.

Losgelöst vom Kontext jener Zeit, in der nicht nur Rio sondern auch die deutsche Rock-/Popkultur noch in den Kinderschuhen steckte, funktioniert vieles nicht. So zeitgebunden erweist sich manches vermeintliche Nugget bei mehrmaligem Hören als skizzenhaftes Katzengold.

Der Weg des musikalischen Ausnahmekriegers ist erkennbar, das Ziel in Sicht, indes längst nicht erreicht. Dies gilt ebenso für etliche Nummern aus Reisers 70er Theaterphase, die ohne direkten Zusammenhang zum Schauspielstück längst nicht so unabhängig klingen wie zB seine regulär veröffentlichten Soundtracks für die beiden Tatorte.
Das qualitative Auf und Ab gestaltet die Spurensuche samt Skiptaste für den Hörer zunächst recht interessant. Sehr schnell jedoch mischt sich in die pralle Frucht ein schaler Beigeschmack.

Es drängt sich der Eindruck auf, Rio hatte sehr gute Gründe, zu Lebzeiten eben nicht alles zu veröffentlichen, was Speicher und Schubladen hergeben. Nicht einmal in den Zeiten finanzieller Not zog er den Release aller Auftragsarbeiten in Betracht.

So bleibt schlussendlich die Frage, ob Reisers Nachlassverwalter hier wirklich im Interesse seines mutmaßlichen Willens handeln. Wohnt wirklich jedem hier gebotenen Song ein künstlerischer Erkenntnisgewinn inne? Man darf geteilter Meinung sein.
Gleichwohl findet sich neben dem Flitter auch so manches Juwel, für das man den Erben Reisers auf Knien danken möchte.

Die Stücke die er etwa für und mit Freunden oder Kollegen (u.a. Gitte Haenning oder Ulla Meinecke) schrieb sind die Entdeckung allemal wert. Besonders jedoch die späten Solo-, Film- und Musical-Nummern (zwischen 1989 bis 1995) verschaffen so gut wie jedem Rio-Freund ein weihnachtliches Gefühl.

Hier bekommt ein jeder genau jenen musikalischen Präsentkorb, den man sich seit dem viel zu frühen Dahinscheiden von Rio Grande stets wünscht.
So kommt niemand hierbei umhin, sich sein eigenes Gesamturteil zu bilden. Aber vielleicht ist genau das auf lange Sicht der philosophische Clou dieses Pakets.

Am Ende bleibt zumindest eine Erkenntnis: “Lass uns ‘n Wunder sein!” Rio Reiser war eines!

Als Gesamtpaket erweist sich die postmortale Box nämlich als durchaus zweischneidiges Schwert. Betrachtet man die Box aus rein musikhistorischer Sicht und vertritt dabei den Standpunkt, dass jede Note, jede Silbe im Interesse der Nachwelt dokumentiert gehöre, so müsste man allein schon wegen Detailgenauigkeit und Quantität die Höchstwertung zücken. Denn hiernach kann nichts mehr kommen. Der Gipfel ist nunmehr erreicht. Alle Karten liegen restlos auf dem Tisch. Unter anderem finden sich hier die tatsächlich allerersten Gehversuche sowie jene Theatervertonungen, die Reiser ab dem Alter von 13 (!) Jahren als offizieller Hauskomponist für Hoffmanns Comic Theater verfasste.

Politisch aktiv bleibt Reiser auch, nachdem Ton Steine Scherben pleite gingen. Sein “Alles Lüge” dient den Grünen 1986 als Wahlkampfsong und getreu dem Motto ‘Wehrt Euch’ ist Reiser in der Anti AKW Bewegung engagiert. Aber solo gelingen dem charismatischen Sänger und Musiker plötzlich auch Liebeslieder und andere eher leise Töne. Bereits sein erstes Soloalbum “Rio I” schaffte es in die Charts, “Himmel & Hölle” zählt sogar zu den schönsten deutschsprachigen Rockalben.

Anders als Anton ist Rio Reiser auch als Schauspieler erfolgreich. Für seine Rolle als “Johnny West” bekommt er schon 1977 den Bundesfilmpreis in Gold. Wie überall ist er halt auch beim Film mit ganzem Herzen dabei, und wo “Reiser” kritische Geisteshaltung signalisiert, bedeutet “Rio” südländisches Temperament. Steht für ‘Tanz auf dem Vulkan’ und ‘Autobahn linke Spur’ und schließlich, 1996 auch für: Die Besten sterben jung.

Aktenzeichen XY:  Transit-strecke des Jaguar

www.fresenhagen.de ist die Archivierung der ehemaligen Seite www.rioreiser.de, einer Initiative aus dem Jahr 1996 von Freunden Rio und Ton Steine Scherben. Die unzensierte Äusserung der eigenen Meinung sowie die kontroverse Diskussion von Themen rund um Rio und die Scherben waren hier im Bereich Pinnwand und im Forum möglich. Die erheblichen Differenzen in der Auffassung von freier Meinungs-äusserung zwischen uns und den gesetzlichen Erben von Rio Reiser, Gert und Peter Möbius, veranlasste uns nach 10 Jahren den Betrieb eher einzustellen als unsere Meinung zensieren zu lassen.
Der Hof Fresenhagen 11 wurde Ende 2010 von den Brüdern Gert und Peter Möbius verkauft.
Aktuelle Informationen über alten Hof der Scherben findet ihr bei fresenhagenwatch auf blogspot oder auf http://fresenhagen11.npage.de/

Februar 2011
Ach Rio – du kommst nach Berlin.
Wolltest du in Berlin begraben sein? Du wolltest in Berlin leben – immer dann, wenn dich der Grossstadtdschungel lockte. Und dann wolltest du schnell wieder weg, wenn der Drang nach Ruhe und Einsamkeit wieder übermächtig wurde.
Wir haben nicht oft über den Tod gesprochen, aber sehr oft über das Leben danach. Und das irdene Grab war allenfalls der Ausgangspunkt für viele aufregende Expeditionen ins traumhaft paradiesische Jenseits. Der Apfelbaum im Garten von Fresenhagen, unter dem wir dich begraben haben, war so ein Ort für dich. In einer dieser vielen rauschhaften traurig schön durchlachten Nächte in Fresenhagens Küche, hast du ihn dir ausgesucht. Ein Wunschbaum.
Du hast dir nicht vorstellen können, dass Fresenhagen einmal nicht mehr den Menschen gehört, die du liebtest; dass dein Lebensmensch Lanrue schon wenige Jahre nach deinem Tod von dort vertrieben wurde, wäre jenseits deiner Vorstellungskraft gewesen. Kein Mensch sollte dich von dort vertreiben. Und doch.

Ach Rio – du kommst nach Berlin.
Kein Testament hat deinen Nachlass geregelt, warst du nachlässig? Oder doch einfach nur zu jung? Du warst 46 als du starbst. Schwule müssen immer bedenken, dass der Kreis der Lieben in den wir hineingeboren werden selten der Kreis ist, in dem unser Seelensein aufgeht und Geborgenheit findet. Zu fremd, zu unterschiedlich der Weg zum eigenen Ich. Wieviel Unverständnis hab ich nach deinem Tod gesehen. Der kurze hoffnungsschimmernde Versuch deiner Bisexualisierung. Schnell wieder aufgegeben angesichts deiner gelebten Realität und doch von denen, die es herbeiwünschten nur der Versuch, dich besser zu verstehen, dir näher zu sein. Sie werden nicht erlahmen, dich ihrem Bilde anzupassen und sie tun dies in Liebe. Vielleicht bis sie begreifen, dass deine Liebe eine andere ist.

Ach Rio – du kommst nach Berlin.
Sie verlegen dich auf den Friedhof deiner Taufgemeinde, deine Eltern wurden hier getraut. Heim in die Arme der Familie, in die du hineingeboren wurdest. Und du bekommst einen neuen Grabstein, nicht mehr „Glaube Liebe Hoffnung“ – dein Wappenspruch – wird dein Grab zieren. Der Text von „Sternchen“ solls sein. Weil dein Bruder das so mag und die Brüder Grimm auch auf diesem Friedhof liegen. Da will man zeigen, was man hat.

Ja Rio – komm nach Berlin.
In die Arme deiner Lieben. Lanrue wohnt wenige hundert Meter entfernt, Funky nicht weiter und ich wohne auch gleich Gegenüber. Der Alte St. Matthäus-Kirchhof. Wenn es schon sein soll, dann kann es nichts passenderes geben, als Berlins Homofriedhof Nr. 1. Und ich hör dich da oben auf deiner Wolke das tun, was du immer so gern und ausgiebig getan hast.
Ich hör dich herzhaft lachen.
Give me five, mein Freund.

aus: www.siegessaeule.de, februar 2011

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