PolyAmory

Polyamore lieben nicht nur einen einzigen Menschen, sondern mehrere, und zwar offen. Herausfordernd ist dabei vor allem die knappe Zeit, äußerst wichtig ist, viel miteinander zu reden – so das Fazit eines Forschungsprojekts an der Uni Wien.

Keine Geheimnisse: Das ist einer der wichtigsten Bestandteile polyamorer Beziehungen. Während die serielle Monogamie, die derzeit am weitesten verbreitete Beziehungsform in unseren Breitengraden, zum „Fremdgehen“ und „Betrug“ neigt, spielen die Polyamoren mit offenen Karten. Sie leben mehrere Liebes- und Sexbeziehungen gleichzeitig, und zwar so transparent wie möglich.

Nach Schätzungen aus dem angloamerikanischen Raum halten sich fünf Prozent der Menschen für polyamorös. Nur ein Zehntel von ihnen lebt allerdings auch tatsächlich so, und noch ein viel geringerer Teil bekennt sich dazu öffentlich. Diese Zahlen auf Österreich übertragen bedeuten, dass 350.000 der Erwachsenen hierzulande eigentlich polyamorös sind, aber nur ein paar Tausend sich auch dazu bekennen.

Quer durch alle Lebensabschnitte

Wie polyamoröse Menschen leben, hat der Sozialwissenschaftler Stefan Ossmann von der Universität Wien untersucht. Im Rahmen eines dreijährigen, vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts interviewte er dafür 33 „Polys“ ausführlich. Erste und vielleicht wichtigste Erkenntnis: „Den oder die Poly gibt es nicht.“

Am 7. Juni fand an der Uni Wien das Symposion „Polyamory in Media, Social and Identity Perspective“ statt.

In seiner Interviewgruppe befanden sich annähernd so viele Frauen wie Männer, rein Heterosexuelle, queere und Bisexuelle, höher und weniger Gebildete sowie Jüngere und Ältere. Polyamorie gehe quer durch alle Lebensabschnitte, so Ossmann. „Es sind Kinderlose dabei, manche haben aber schon Enkel. Sie sagen: Bevor wir vereinsamt ins Altersheim gehen, können wir auch gemeinsam einen Bauernhof bewirtschaften und uns dort zu unserer Liebe bekennen.“

Generell hat Osmann zwei Typen von Polyamorösen kennengelernt. Die ersten waren es immer schon; wenn sie sich in monogamen Beziehungen befunden haben, fühlen sie sich unterdrückt und konnten ihre wahre Natur quasi nicht ausleben. Die zweiten entschließen sich willentlich und im Konsens mit dem Partner oder der Partnerin zur Vielliebe – ein Entschluss, der in einer späteren Lebensphase, etwa wenn Kinder ins Spiel kommen, wieder rückgängig gemacht werden kann.

Schlagwortwolke mit den am meisten verwendeten Wörtern im Zusammenhang mit "Polyamorie" in deutschsprachigen Zeitungen

Stefan Ossmann

Schlagwortwolke: Die am meisten verwendeten Wörter im Zusammenhang mit „Polyamorie“ in deutschsprachigen Zeitungen

“Aufmerksamkeit ist die knappe Ressource“

Im Gegensatz zur „free love“ der 68er Bewegung hat die Sexualität bei den Polys nicht mehr die zentrale Bedeutung, im Mittelpunkt steht die Idee der Liebe. „Es geht nicht primär um Sex, aber schon auch um Körperlichkeit“, erzählt Ossmann. So gebe es ältere Praktizierende, die Sex im technischen Sinne gar nicht mehr haben können, aber auf körperlichen Austausch nicht verzichten wollen; und auch Polys mit einer Missbrauchserfahrung, die sich über die emotionalen Bindungen erst wieder körperlich öffnen können.

Polyamorie als Chance für mehr und schnelleren Sex zu begreifen, sei jedenfalls ein Missverständnis. „Es ist ganz viel Verantwortung dabei“, sagt Ossmann. „Die knappe Ressource ist nicht Liebe, davon gibt’s genug, sondern Aufmerksamkeit gegenüber allen Involvierten.“ Ganz oben auf der Liste notwendiger Eigenschaften für gelingende Polyamorie steht deshalb eine gute Kommunikation. Polyamore müssen sehr viel reden und erklären – auch und besonders um Eifersucht zu vermeiden, vor der auch sie nicht gefeit sind.

Auch in Mehrfachbeziehungen würde Zweisamkeit bewusst gelebt, sagt Ossmann. „Manche haben richtige Rituale entwickelt, um auch Zweierkonstellationenen aufrechtzuerhalten. Sie gehen etwa nur mit einer bestimmten Person zum Fußballmatch auf den Platz des Wiener Sportclubs, weil sie sich dort kennengelernt haben, und mit anderen nicht.“

Eine Frau sitzt mit zwei Männern auf einer Bank

Stefan Ossmann

Vom Mainstream weit entfernt

Das mag vielleicht nicht überraschen; womit der Sozialwissenschaftler aber nicht gerechnet hat, waren die Ergebnisse seiner Interviews, was rechtliche Aspekte betrifft. Fragen wie Heirat, Kinderkriegen, Mitversicherung und Erbrecht standen und stehen im Mittelpunkt der Anerkennungskämpfe von Homosexuellen und anderen Minderheiten. „Auch die Polys sagten in den Interviews, dass dies wichtige Themen sind. Aber sie betrachteten sie eher als wichtig für andere – und nicht für sie selbst.“ Die Möglichkeit, derartige Rechtsansprüche einzufordern, sei bei ihnen noch nicht ausgeprägt.

Ein Grund dafür könnte sein, dass es Polyamorie als Selbstverständnis noch nicht so lange gibt. „Der Begriff ist im deutschen Sprachraum erst 2007 aufgetaucht“, sagt Ossmann. Es gibt schlicht noch keine Generation, die sich Gedanken über das Erbrecht macht. Das könnte sich in Zukunft aber ändern – und dann könnten auch die Gesetzgeber gefragt sein, meint der Sozialwissenschaftler. Vom Mainstream ist die Praxis noch weit entfernt – was laut Ossmann nicht zuletzt an fehlenden Testimonials liegt. Während es in der Homosexuellen- und Transbewegung Ikonen gibt, die mit ihrem Outing anderen geholfen haben, gebe es die bei den Polyamoren nicht – noch nicht.

Netzwerke stabiler als Zweierbeziehungen

Wie gut das Beziehungsmodell zu unserer Zeit passt? Der Sozialwissenschaftler antwortet ambivalent: „Einerseits hat es den schönen Aspekt, mehrere Menschen lieben und den Kühlschrank teilen zu können, es wird aber auch als neoliberales System kritisiert.“ Die dahinterstehende These: Die Gegenwart ist geprägt von Krisen aller Art, von prekären Arbeitsplätzen und projektorientierter Arbeit.

Gegen die Unsicherheit dahinter könnten Netzwerke besser helfen als stets vom Bruch gefährdete Zweierbeziehungen. Ein Netz bleibt bestehen, auch wenn ein Knotenpunkt wegbricht. So wie die Großfamilie einst Schutz geboten hat vor den gesellschaftlichen Umbrüchen und Verwerfungen, könnten auch polyamore Netze Sicherheit bieten in unsicheren Zeiten.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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