Wolfgang lässt schön grüßen

üben, üben, üben

DU BAUERNOPFER !

Ein Gastbeitrag von Ricarda Berg*

Die freiwillige Preisgabe der deutschen Landwirtinnen und Landwirte mit dem Ziel, für eine andere Umweltpolitik öffentlichen Beifall zu erlangen, ist ein unkluger Schachzug der Bundesregierung. Neue Frage: Warum spielt die Politik überhaupt mit der Hand, die uns füttert!?

Das Agrar-Paket der deutschen Bundesregierung beweist erneut, dass Politikerinnen und Politiker im Austeilen Riesen, im Einstecken hingegen Zwerge sind. Wenn es nämlich darum geht, eine gerechte und EU-weit vergleichbare Bemessungsgrundlage für Nitratwerte im Grundwasser zu schaffen und den Einsatz glyphosathaltiger Pflanzenschutzmittel sowie die Komplexität von Artenschutz politisch so zu kommunizieren, dass allen gesellschaftlichen Interessen eine Grundlage zur politischen Willensbildung geboten wird, vertragen sie Kritik schlecht. Entscheidungen fallen in geschlossenen Gruppen und das Wohl der übrigen Menschen bleibt auf der Strecke – bis zur nächsten Wahl!

Warum auf die Kleinsten in der Wertschöpfungskette?

Ich erspare mir die Geschichte von der Zeit, als etwa 90 % der Gesellschaft mit Fackeln und Mistgabeln assoziiert wurden und komme gleich zu den bestausgebildeten und innovativsten Landwirtinnen und Landwirten der Welt. Unsere gegenwärtige Zivilgesellschaft ist durch Spezialisierung geprägt. In Deutschland liegt der Anteil der in der Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei Beschäftigten an allen Erwerbstätigen bei 1,4 %. Die deutschen Landwirtinnen und Landwirte decken vier Fünftel der Nahrungsmittelversorgung und betreiben die nachhaltigste Landwirtschaft der Welt. Allerdings beträgt der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt (BIP) weniger als 1 %.

Obwohl heimische Landwirtinnen und Landwirte etwa 80 % der Ernährung der Deutschen sichern, spielt der Lebensmitteleinzelhandel ein risikoreiches Pokerspiel mit der Platzierung von billigeren Importprodukten in ihren Regalen und Preisdumping bei hochwertigen Lebensmitteln. Diese Entwicklung macht selbst vor biologischen Lebensmitteln nicht halt. Obwohl sich Rebellen einst fest vorgenommen hatten, den Zwängen des Marktes zu trotzen, finden sie sich aufgrund von Bio-Eigenmarken in einer großen Abhängigkeit der Supermärkte und Discounter wieder – Bio ist längst zur Massenware geworden. In der Werbung sehen wir dagegen ein unrealistisches Landidyll, das in unsere Köpfe projiziert wird. Wie will der Lebensmitteleinzelhandel so langfristig Konsumentenpräferenzen nach Qualität und Nachhaltigkeit gerecht werden?

Qualität und Nachhaltigkeit haben übrigens einen Preis – unseren Geiz! Mit unserer Leidenschaft für stets größeren Genuss von der Milch für den Frankfurter Kranz für 59 Cent/Liter bis hin zum iPhone für 1.649 € oder dem Nackensteak für 3,99 €/Kilo bis hin zum Webergrill für 1.199 € erreichen wir genau das Gegenteil, nämlich die Zerstörung unserer Existenzgrundlage – ökonomisch, sozial und ökologisch. Wer jetzt glaubt, dass „die Massentierhaltung“ daran schuld sei, gibt seiner persönlichen Komfortzone einen Namen und damit die Kontrolle über unsere Umwelt und das Wohl unserer Tiere ans Ausland ab. Mit unseren unrealistischen politischen Forderungen an die Landwirtschaft als Bürger und unserer „Geiz ist geil“-Mentalität als Konsumenten, schaffen wir keine nachhaltige Grundlage für die verbliebenen 266.600 heimischen landwirtschaftlichen Familienbetriebe.

Wer rettet denn jetzt die Welt?

Greta? Oder liegt die Verantwortung doch bei jedem einzelnen Menschen!? Das gilt für die Landwirtinnen und Landwirte, die tagtäglich für eine gute landwirtschaftliche Praxis und die Einhaltung der damit einhergehenden Compliance Maßnahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP) einstehen, genauso wie für NGOs, die sich ihre Unabhängigkeit auf Kosten jener Landwirtinnen und Landwirte erkämpfen und auch für die dunklen Rebellen unter uns, die die Ungerechtigkeit in der sozialen Marktwirtschaft erkennen und gegen sie rebellieren. In Wirklichkeit ist diese Ungerechtigkeit ein von ihnen vorgeschobener Vorwand, mit dem sie beabsichtigen, in öffentlichen Streitfragen von ihrer „Schuld“ abzulenken.

Alles, was uns an anderen missfällt, kann uns zu besserer Selbsterkenntnis führen.

Obwohl wir in einer Zivilgesellschaft leben, befindet sich der Großteil von uns ständig im Überlebensmodus. Unsere Wege werden längst nicht mehr von Säbelzahntigern gekreuzt, aber wir fürchten uns heute vor Nitrat im Trinkwasser, Glyphosatrückständen in unserer Nahrung oder dem Artensterben. Wir wollen diese Angst unbedingt umgehen und sichergehen, dass sie uns nichts anhaben kann. Wenn wir mit komplexen wissenschaftlichen Informationen über Nitratmesswerte, die Wirkungsweise von Glyphosat und Artenvielfalt konfrontiert werden, für die kein Schema in unseren Köpfen existiert, sendet unser Gehirn ein emotionales Signal an unser Bewusstsein, damit wir das wiederholte Nicht-Verstehen dieser Informationen vermeiden. Unsere emotionalen Abwehrreaktionen äußern sich in Verallgemeinerungen, Faustregeln, Stereotype oder Schlussfolgerungen, die betreffend Landwirtschaft mittlerweile als allgemein akzeptiert gelten. Tja, denken ist schwer, darum urteilen die meisten.

Was wir nicht annehmen, können wir nicht ändern. Was uns nicht berührt, das verwandelt uns nicht.

Probleme sind Wachstumsmotoren. Nicht umsonst nennen unsere Poltikerinnen und Politiker das Reichstagsgebäude „Motor der Republik“. Politik liefert lediglich einen Rahmen. Der wahre Motor der Bundesrepublik Deutschland ist und bleibt die Landwirtschaft – in ökonomischer, sozialer und ökologischer Hinsicht. Liebe Landwirtinnen und Landwirte – Ihr seid die Geilsten hier!

Ihr seid nicht das, was euch passiert ist. Ihr seid das, was ihr entscheidet zu werden:

  • Beschützer, die ihre Familienbetriebe in die nächste Generation führen.
  • Diener, von denen jede/r Einzelne täglich 150 Menschen ernährt.
  • Rebellen, die sich Ungerechtigkeiten widersetzen und andere dabei inspirieren, sich aus der Notlage zu befreien.
  • Querdenker, die ihr Ding machen und das auch bei anderen respektieren.
  • Abenteurer, die ihr Knowhow und ihr Fachwissen in unbekannten und überraschenden Situationen einsetzen und dabei zu Höchstleistungen aufblühen.
  • Innovatoren, die intuitiv denken, neugierig sind und Verbindungen zwischen Sachverhalten sehen, die andere Menschen nicht erkennen können.
  • Heiler, die das Gute im Menschen sehen.
  • Mutige, die sich in keinem System Regeln und Rollenbildern verpflichten und anderen Menschen einen Spiegel vorhalten, um sie auf ihre falschen Einschätzungen über ihre Umwelt aufmerksam zu machen.
  • Führungspersönlichkeiten, die sich von der Masse absetzen, aus einer Spitzenposition heraus führen, sich neuen Herausforderungen stellen und für das kämpfen, was sie wollen.
  • Vorbilder, die für Stabilität sorgen und mit Rücksicht auf Tradition und Gutmütigkeit reagieren.
  • Landwirtinnen und Landwirte, die ihren Job aus Leidenschaft machen.
  • Vordenker, die intuitiv entscheiden und dabei vollkommen entspannt bleiben.
  • Netzwerker, die unterschiedlichen Menschen dabei helfen zusammenzukommen und mit ihnen für gemeinsame Ziele eintreten.

*Ricarda Berg ist aufgewachsen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb im Paderborner Land. Es folgte ein Studium der Agrar- und Ernährungswirtschaft an der Universität für Bodenkultur Wien. Heute ist sie zuständig für Digitale Kommunikation an der Landwirtschaftskammer Österreich LKÖ

Quelle: Bauer Willi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: