Wolfgang lässt schön grüßen

üben, üben, üben

Lob des Eigensinns Wolfgang Neuss

Lob des Eigensinns Wolfgang Neuss

Heiliger Neuss, bitte für uns Kabarettisten, Kolumnisten, Feuilletonisten, Pointillisten, jetzt und in der Stunde unseres letzten Bonmots von Harald Martenstein
DIE ZEIT Nº 47/2009Aktualisiert 12. November 2009 13:52 Uhr 1 Kommentar

Neuss war witzig, Neuss war böse, manchmal war Neuss sogar brillant. Aber er war keiner von den scharfen Hunden, die beißen, bevor sie hinschauen. Bei seinem letzten großen Auftritt, am 5. Dezember 1983, dem, wie man heute weiß, wichtigsten Fernsehereignis jenes Jahres, traf er in einer Talkshow auf den damaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin, Richard von Weizsäcker, den er konsequent »Richie« nannte. Zur allgemeinen Verblüffung konnten die beiden gut miteinander. Der kiffende linke Freak und der Aristokrat von der CDU hatten sich viel zu sagen. Und Neuss sprach das letzte seiner geflügelten Worte: »Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen.«

Er hat diesen Satz geklaut, von einer Glückwunschkarte, die ihm ein Fan aus dem Knast zu seinem 60. Geburtstag geschickt hatte. Das war nur gerecht. Denn niemand wurde, zu dieser Zeit, als er die langhaarige, zahnlose Indianersquaw war, so oft beklaut wie Neuss. Seine Charlottenburger Wohnhöhle war ein Wallfahrtsort für Kabarettisten, Moderatoren, Textproduzenten aller Art. Man ging zu Neuss, brachte ihm Dope mit, ließ ihn seine Monologe halten und schrieb die Pointen, die aus ihm herausströmten, heimlich mit. Alle dachten, er sei kaputt. In Wirklichkeit lebte das halbe kreative Deutschland von dem, was sein Gehirn immer noch hergab.

Wer heute längere Texte von Neuss liest, ist vielleicht enttäuscht. Neuss muss man hören, er war ein großer Performer und ein Genie der kleinen Form. Es sind rhythmisch genaue Miniaturen, die oft an vertrauten Redewendungen anknüpfen und sie ins Absurde drehen. »Heut mach ich mir kein Abendbrot, heut’ mach ich mir Gedanken.« – »Stell dir vor, es geht und keiner kriegt’s hin.« – »Ich hab nie aufgehört, von unten anzufangen.« Aus rhythmischen Gründen hat er auch seinen Rufnamen »Hans« abgelegt und sich »Wolfgang« genannt.
Thema: 50 deutsche Vorbilder
50 deutsche Vorbilder

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen | © Corbis

Als einzigen Beruf hatte Neuss ausgerechnet Schlachter gelernt. Im Krieg schoss er sich angeblich einen Finger ab, um nicht mehr kämpfen zu müssen. Das ist allerdings nur eine Legende. Fest steht, dass er als Soldat nach Dänemark desertierte. Im Deutschland der Fünfziger und frühen Sechziger machte er Karriere als komischer Vogel, damals war er größer als Dieter Hildebrandt und Wolfgang Gruner. In seiner Liga spielte höchstens noch Heinz Erhardt. Neuss war, als öffentliche Figur, ungefähr das, was später Otto Waalkes wurde oder Mario Barth, nur dass seine Witze – nicht alle, aber viele – politisch waren und er eine intellektuelle Aura besaß, die heute geschäftsschädigend wirken würde.

In Wirklichkeit las er nicht viel. Tucholsky lernte er erst spät kennen, eine Brecht-Inszenierung, in die ein Freund ihn schickte, verließ er gelangweilt in der Pause. Allein im Jahr 1955 drehte er zehn Filme, in der Waldbühne trat er vor 20.000 Leuten auf, zeitweise fuhr er einen Jaguar E.

Als er aber 1962, vor der letzten Folge, verriet, wer in der Fernsehserie Das Halstuch der Mörder war, verkalkulierte er sich. Das Publikum nahm ihm das übel. 1968 war sein Abstieg, auch der finanzielle, bereits in vollem Gang. Er selber sah das wohl anders. Das Haschisch, sagte er, habe ihn vom Alkohol und von den Tabletten kuriert, die in den Erfolgsjahren sein Treibstoff waren.

Aufstieg, Fall, Comeback: ein schöner, klassischer Rhythmus, im Leben wie in seinen Pointen. Kann Wolfgang Neuss ein Vorbild sein? Als Weltkriegssoldat hat er angefangen, dann wurde er wohlhabend und erfolgreich, so ehrgeizig, so schnell und so hungrig wie die ganze Bundesrepublik. Am Ende war er ein meditierender Hippie, der nicht mehr viel brauchte und seinen jungen Kollegen die schönsten Pointen spendierte. Neuss war sanft geworden. 1983, bei seinem letzten großen Auftritt, wirkte er weiser, gelassener und abgeklärter als Weizsäcker.

Von Neuss lernen wir: Reiß die Schnauze auf, so weit du kannst. Aber sei nicht verbissen dabei. Versuche, die Menschen zu durchschauen und sie trotzdem zu mögen. Neuss sagte: »Ich bin kein Beispiel, ich bin ein Vorspiel.«

Kommentar von hagego

1. Katzenhai.

Wolfgang Neuss war der letzte Indianer eines Reservats, dessen Häuptlinge keine langen Haare mehr tragen und deren Marterpfähle nur der Größe der kleinen Leute angepasst sind.

Wer Neuss mit einem Comedians vergleicht, vergleicht quasi den Katzenhai mit einer Katze.

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