Wolfgang lässt schön grüßen

üben, üben, üben

EVA NEUSS 90 alias Henriette de Bouyse – Klarnamen statt Anonymität

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Die Zürgelbäume oder Nesselbäume (Celtis) sind eine Gattung der Familie der Hanfgewächse

NATURSYMPHONIE

..aus Lache Tränen, heule Heiterkeit.
Er ließ sich seine steingrauen Haare lang wachsen, fand die Erleuchtung in buddhistischen Meditationsübungen und lebte fortan von 265 Mark Sozialhilfe im Monat. „Dreißig Jahre habe ich gebraucht, um berühmt zu werden“, verkündete er. „Jetzt arbeite ich am Gegenteil.“ Gelungen ist ihm das nicht. Der Ruhm verfolgte Neuss selbst über den Tod hinaus.

„Mensch, war ich lange nicht hier“, staunt Rüdiger Daniel. „Das war wie ein Ashram da oben“, sagt er und zeigt hoch zum zweiten Stock, wo heute Gardinen Falten werfen. Dort hat der Fernsehmann am 2. Mai 1989 das letzte Interview mit Neuss geführt. Drei Tage später, am 5. Mai, war der Kabarettist tot. Aus dem Interviewmaterial von damals, Film- und Fernsehauftritten von Neuss und Gesprächen mit Familienangehörigen, Freunden, Wegbegleitern hat Daniel den Dokumentarfilm „Das Neuss Testament“ collagiert, der nun zum 20. Todestag des Radikalkomikers ins Kino gekommen ist. Ein Testament mit froher Botschaft. „Wir leben immer, wir haben gar keine Chance, nicht zu leben“, sagt Neuss da. „Ich gebe euch die Botschaft: Man lebt nur ab, um zu leben.“

„Neuss Testament“, so hieß das Soloprogramm, mit dem Wolfgang Neuss 1965 den Vaganten und Bänkelsänger François Villon für sich entdeckte: „Ich lache Tränen, heule Heiterkeit / Ich schöpfe Trost aus mancher Leute Traurigkeit / Icke – höchst beliebt, verschrien bei jedermann.“ Er spottet über alles und jeden, Adenauer, NS-Mitläufer und die SPD, über „dicke Gammler in Kamelhaarkutten“ und „Topmanager mit Luxusnutten“. Fotos zeigen ihn hemdsärmelig, mit intellektueller Goldrandbrille und rundem Wirtschaftswundergesicht. Danach wird sein Witz noch galliger, Neuss sympathisiert mit der Studentenbewegung, demonstriert gegen den Vietnamkrieg, polemisiert gegen Springer, wird aus der SPD ausgeschlossen, verabschiedet sich für eine Zeit ins „Exil“ nach Chile.

Irgendwann Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre muss Neuss in der Charlottenburger Lohmeyerstraße eingezogen sein, bei seiner Lebensgefährtin Gisela Groenewold, einer Fotografin, die er während seiner Auftritte mit „Neuss Testament“ kennengelernt hatte. Groenewold gehört zur Politschickeria, in ihrer Dachgeschosswohnung gehen Prominente wie Rudi Dutschke, Hans Magnus Enzensberger und die künftige Terroristin Ulrike Meinhof ein und aus. Neuss schließt sich lieber der Tunix-Bewegung an. „Such dich“ reimt sich für ihn bald auf „süchtig“, er experimentiert mit LSD und wird zum Hasch-Rebellen. Als die Beziehung mit Gisela Groenewold endet, zieht der Aussteiger in die Dreizimmerwohnung im zweiten Stock. Miete muss er nicht bezahlen, das Haus gehört Giselas Bruder Kurt Groenewold, einem Hamburger Rechtsanwalt.

„Es roch natürlich nach Gras, ist doch klar“, erinnert sich Rüdiger Daniel. Zwei Mal unterbrach Neuss während des vierstündigen Interviews die Dreharbeiten. „Dann zog er sich zurück, um mit einem Joint seine Schmerzen zu stillen.“ Vom Unterleibskrebs, an dem er litt, wusste kaum jemand etwas. Neuss war 65, der Tod hatte ihn bereits im Griff, doch vor der Kamera – das zeigen die Aufnahmen – läuft er noch einmal zu großer Form auf. „Kunst statt Krieg heißt die Botschaft meiner Hand“, sagt er und hält vier Finger in die Kamera. Seinen linken Zeigefinger hatte er sich im Krieg abgeschossen, um nicht zurück an die Ostfront zu müssen.

Neuss scherzt und schwadroniert, zeitweilig reißt er die Regie an sich. „Kannst du jetzt mal mit der Kamera auf Johanna gehen, ich will mal was von ihr erzählen“, lautet eine seiner Anweisungen. Rüdiger Daniel – heute 61 – war 1989 aus Köln nach Berlin gekommen, weil er an einer WDR-Serie über Varietés arbeitete. So hatte er einige alte Kleinkunst- Kollegen in die Lohmeyerstraße gebeten: Neuss’ ersten Kabarettpartner Abi von Haase, die Schauspielerin Johanna König, berühmt geworden als „Klementine“ in der Ariel-Werbung, und ihren Mann Felix Hock, der einst das „reisende Reichs-Kabarett der Komiker“ gemanagt hatte.
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…doppelt hält besser.

Legendär ist ein Talkshowauftritt, bei dem er 1983 Richard von Weizsäcker mit „Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen“ begrüßt. Im Film rühmt der ehemalige Bundespräsident seinen „souveränen Verstand“. Wolfgang Neuss, keine Frage, ist nicht tot. Seine Schwester Eva sagt jeden Tag „Guten Morgen“ zu einem Foto von ihm. Manchmal grüßt Wolfgang zurück.


Klarnamen statt Anonymität

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