Wolfgang lässt schön grüßen

üben, üben, üben

DIE DEUTSCHEN FUSSBALLER MÄRCHEN

Deutschland-ein Fußballmärchen (1998) – Matthias Beltz

Deutschland – ein Fußballmärchen [1990]

Es war einmal ein Volk, das fühlte sich so verarscht von der ganzen Welt, daß es sich die Deutschen nannte. Schon in der Volksschule wollte niemand mit ihm Völkerball spielen.
Da beschloß das deutsche Volk in einer dunklen Stunde, Fußballweltmeister zu werden. Und so gaben sich die Deutschen eine Nationalhymne, und die hieß: Deutschland vor, noch ein Tor. Der Refrain aber lautete: Olé – olé – oléoléolé. Mit einem dreifach donnernden Hurra zog nun die deutsche Mannschaft in der 14. Minute auf das Spielfeld von Verdun. Nach einer heftigen Materialschlacht schien in der 18. Minute das Spiel verloren. Da waren die Deutschen beleidigt und verpatzten sogar ihre eigene Revolution. Nach Kleinklein-Spiel im eigenen Raum wurde in der 33. Minute der Spielführer ausgewechselt. Da freuten sich die Deutschen und stürmten wie in alten Tagen, ja, das ganze deutsche Volk schien aus lauter Stürmern zu bestehen.
So kam es denn auch in der 38. Minute zum Anschlußtreffer gegen Österreich. In der 39. Minute wurde in alle Himmelsrichtungen geschossen, so daß der Sieg bald nahe schien. Doch in der 42. Minute geriet die deutsche Mannschaft in die sibirische Abseitsfalle. Da fiel die Manndeckung aus, und der Rückzug mußte angetreten werden. In der 45. Minute schon schien das Spiel bedingungslos verloren zu sein.
Doch da kam der alte Reichstrainer Sepp Herberger und sprach: Jedes Spiel dauert aber doch 90 Minuten, also laßt uns nicht die Fehler der 1. Halbzeit diskutieren, sondern die Socken hochkrempeln und wieder tüchtig zutreten. Denn der Ball ist rund, und das nächste Spiel ist immer das schwerste. Diese Sätze wurden später von den Verfassungsvätern wieder aufgegriffen und bilden den Boden der freiheitlich-demokratischen Grundgewerbeordnung.
Nun braucht aber jede Fußballmannschaft, um wirklich gut zu sein, einen Trainingspartner. Da alle sonst ausgerottet waren, holte sich die deutsche Mannschaft die Kommunisten und verdrosch sie wie in alten Zeiten. Die Kommunisten jedoch wollten selber Fußball spielen und nicht Punchingball sein. Darum gründeten sie in der 49. Minute einen eigenen Verein und nannten sich Dynamo DDR Lokomotive.
In der 53. Minute kam es zu Rangeleien im Strafraum vor dem Brandenburger Tor, so daß in der 61. Minute auf beiden Seiten stark gemauert wurde. In der 69. Minute sorgte der neue Schiedsrichter Willy Brandt für vorübergehende Entspannung.
In der 89. Minute aber stürmten plötzlich lauter Brüder und Schwestern, die bisher hinter dem großen Absperrgitter saßen, das Spielfeld. Und so fragen wir uns nunmehr: Kommt es in der 90. Minute zum Endsieg? Oder braucht das deutsche Volk noch eine Verlängerung?
stimmung
Quelle: Gnade für niemand – Freispruch für alle. Ammann Verlag: Zürich 1990, S. 39 f.

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