Wolfgang lässt schön grüßen

üben, üben, üben

Günter Thews Boulevard

Zum Tode von Günter Thews,
einem der Drei Tornados

Irgendwie sauwahr
von Kuno Kruse
12. Februar 1993 07:00 Uhr

Waas haaaben wir gelacht!“ Das war sein Schlachtruf. Wir haben die Rabenstimme noch im Ohr. Und vor Augen die Gestalt mit der Glatze und den Hosenträgern, linkisch mit den Armen rudernd.

Und was haben wir gelacht! Comedy total, Klamauk und Kalauer, polternd, geschmacklos, roh, übertrieben, verschroben, makaber, unausstehlich und voll daneben, Witze wie Paukenschläge und irgendwie sauwahr. So tobten Die drei Tornados. Und Günter Thews war der Stürmer in der Mitte. Das war Volkstheater für Spontis, Anarchos, Müslis und Mollies, Hausbesetzer und Tierbeschützer, für die Freaks von Berlin bis Biberach.

Nun standen wir da, vor dem Sarg im Krematorium Berlin-Wilmersdorf, die Freunde vom Fabrik-Zirkus auf dem alten Ufa-Gelände, vom Tempodrom, aus den „ehemals besetzten“ Häusern, aus den Szenekneipen und der taz, Linksanwälte, Schauspieler und Kabarettisten. Und wir schwiegen. Eine halbe Stunde Stille. Eine Frauenstimme sang, hell zum Klavier: „Am Brunnen vor dem Tore“. So hatte er es gewollt, der komische Kerl. Und so haben wir ihn geliebt.

„Wenn ich nun doch nicht sterbe“, hatte er neulich noch einen Spaß gemacht, „da könnte ich ja auch wieder auftreten.“ Aber Günter Thews starb, er „verdünnisierte“ sich, wie er es nannte. Er hatte Aids.

Und fast war dieses Sterben wie eine letzte Zugabe, anrührend, und wenn man das so sagen darf, quicklebendig. Ein paarmal noch war der Vorhang aufgegangen, zu einer Talk-Show, einem Interview in der taz und einem von Große in Tempo. Da war er wieder, der radikale Spott über Homosexuelle, die plötzlich heiraten wollten, „wer heute alles schwul werden darf. Da kann man mal sehen, was für konservatives Gesocks in der Bewegung drinnehängt“. Oder seine durchschlagenden Patentrezepte, zum Beispiel gegen Skins: Abschieben, mit der Sozialhilfe nach Sri Lanka, Sonne, Liebe. Heirat. Und dann Besuch bei der Schwiegermutter im Asylantenheim in Cottbus.

Da war einer, der Tod und Teufel nicht zu fürchten schien: „Was verpasse ich denn schon. Ein paar Sportschauen und den Besuch des kenianischen Präsidenten am Brandenburger Tor.“ Scheinbar gelassen beschriebener Zerfall.

Und manchmal war es Zauberei. Zuletzt im Fernsehen, als der Moderator ihm das nicht abnehmen wollte, das mit dem Buddhismus und seinem Glauben an das große Lotteriespiel der Wiedergeburt. Da setzte sich plötzlich ein Schmetterling auf Günter Thews’ Kragen. Mitten im Zimmer. Und wir haben uns gefragt: Wie hat er das bloß wieder angestellt?

Zum Tode von Günter Thews, einem der Drei Tornados
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Freunde besuchten den Todkranken. „Die hängen hier echt betroffen rum“, sagte der. Dann fragte er sie: „Hast du mir was mitzuteilen, oder willst du mir nur meinen Shit wegrauchen?“ Wir sahen ihm beim Sterben zu, von weitem, ein wenig feige und fasziniert. Unser Günter starb.

Die vor uns hatten Rudi Dutschke, Krahl und Teufel. Aber von den Achtundsechzigern waren nur Stalinismus geblieben und grenzenlose Selbstüberschätzung. In den Gängen geißelten Wandzeitungen US- und Sozialimperialismus. Ganze Drückerkolonnen bienenfleißiger Agitatoren behämmerten uns mit der Roten Fahne. Religionsstifter verkündeten den Dialektischen Materialismus und prophezeiten die nahe Weltrevolution. Aus dem Jammertal führte allein die Massenorganisation der Arbeiterpartei.

Das war das Klima. Und auch die, die nicht so waren, waren so. Am Revers der Stern. Rot für Kommunisten, schwarz für Anarchisten. Revolution war Mühsal, erging sich in Resolutionen, Forderungskatalogen, Grußadressen und endlosen Rednerlisten immergleicher Redner. So war Berlin 1976. Das Audimax der Freien Universität platzte fast. Vollversammlung. Streik. Es ging gegen Berufsverbote und die Entlassung maoistischer Dozenten.

Und dann trat Günter auf. Theologiestudent, schon das war ein Lacher. Und dazu die Mütze: mal auf dem Kopf, mal verlegen durch die Hände gedreht. Aus dem Redner wurden zwei: Lehrer und Vater im Gespräch über den Studentenstreik, Ideale von Schwarzbrot und Butter standen gegen die Flausen der Jugend über Wohngemeinschaften und freie Liebe. Das Ganze spielte in Winsen an der Luhe. Endlich eine neue alte Perspektive. Wir lachten über Berlin, die Metropole der proletarischen Revolution. Und erinnerten uns heimlich, daß wir alle aus irgendeinem Winsen an der Luhe stammten. Seines hieß Celle. Kaufmann sollte er werden, bei Edeka.

Dann 1977. Achtundsechzig war endgültig vorbei. Wir waren versteinert. Und plötzlich lachte eine Rabenstimme und krächzte: „Hey, was ist denn da los, das sind die drei Tornados.“

Ob Stromboykott und Rucksackreisen, Frauenbewegung und Männergruppen, Piratensender und Schreinerkollektive, Wohngemeinschaftsfrühstücke und Beziehungskisten, unser alternativer Alltag war Kabarett. Und: Waas haaaben wir gelaacht! Dieses Lachen war Triumph. Indem wir über uns lachten, gab es uns wieder. Die Alternativbewegung lebte.

Wir tanzten auf TuNix und im Tempodrom, wir lagen vor Brokdorf, Grohnde und Wackersdorf, und dort waren auch die Tornados: Zwischen Schlamm, Tränengasschwaden und Haßkappen spazierten sie – in weißem Smoking, Strohhüten und Ringelsöckchen.

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Für das Fernsehen waren sie nichts. Einmal auf der Funkausstellung, und nie wieder. So entschied der Intendant des SFB. Einmal im WDR, und gleich darauf vor Gericht, wegen eines Maria-Sketches. Einmal ein großer Abgang bei Radio Bremen, und die Sendung bekam den Grimmepreis. Aber dennoch, beinahe eine Million Zuschauer haben die Tornados erlebt. 120 Auftritte im Jahr, dreizehn Jahre lang, mit Sperrmüllkoffern im roten Kombi auf Tournee. Die Säle blieben voll, doch die Seele verdünnisierte sich. Die Themen blieben die alten, doch der Zeitgeist war neu. Die Monopoly-Menschen marschierten. Und die Krankheit fraß Günter Thews.

Kuno Kruse

http://usualredant.de/2013/07/05/weis-der-geyer-drogenpolitischer-talk-zum-mitmachen/

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